Trier

Vom Blick in den Abgrund

Eine Ausbildung als Altenpflegerin bricht Waltraud Krämer mit 18 ab. Damals fühlt sie sich nicht bereit, um mit dem Tod umzugehen. 2002 landet sie dann beim WEISSEN RING – und entscheidet, die Abgründe in ihr Leben zu lassen.

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Foto: Mona Mou

Als Waltraud Krämer zum ersten Mal in den Abgrund sah, stellte sie fest, dass sie dafür noch nicht bereit war. Altenpflegerin wollte sie werden. Die Theorie war kein Problem, die Praxis schon. „Ich konnte damals nicht mit dem Tod umgehen“, sagt sie. Mit 18 brach sie die Ausbildung ab.

Nichts ist leichter, als mit den ersten Informationen ein falsches Bild von Waltraud Krämer, 58, zu zeichnen, Leiterin der Außenstelle Trier-Saarburg vom WEISSEN RING. Ein Mensch, dessen Herzlichkeit sich ihr Gegenüber nicht erst verdienen muss. Seit 40 Jahren verheiratet. Für den finanziellen Lebensunterhalt sorgte überwiegend ihr Mann, weil sie genug damit zu tun hatte, Hausfrau, Ehefrau und Mutter zu sein. Ihren Whatsapp-Status aktualisiert sie täglich mit aufmunternden Bildergrüßen. Dazu spricht sie ein wenig wie Hilde Becker, die menschgewordene Kittelschürze aus der im Saarland spielenden Comedyserie „Familie Heinz Becker“. Krämer ist an der Grenze zum Saarland aufgewachsen. So eine ist das also, denkt man kurz. Aber so eine ist sie eben nicht.

Krämer sucht – und findet den WEISSEN RING

Vielleicht hat sogar Krämer selbst sich lange unterschätzt – jedenfalls: Es war das Jahr 2002. Sohn Rüdiger ging nun bis nachmittags ins Gymnasium, was also tun mit der Zeit, die plötzlich da war? Einen Job wollte sie nicht, dann hätte sie ihren Mann, der häufig nachts arbeitete, kaum noch gesehen. Außerdem sollte es Erfüllung bringen. „Ich hab irgendwie was gesucht.“ Also ein Ehrenamt. Auf einer großen Verbrauchermesse in Trier kommt sie am Stand des WEISSEN RINGS vorbei. Die Außenstelle leitet damals Claus Bermes, ein ehemaliger Polizist. „Er ist mir so in die Füße gelaufen“, sagt Krämer. Sie führen ein langes Gespräch. Danach ist sie überzeugt: „Hier kann ich Wege aufzeigen, die ein Opfer nicht kennt.“ Noch am selben Tag hilft sie am Stand mit.

Wenn man so will, beschließt Krämer an diesem Tag, die Abgründe in ihr Leben zu lassen. Das ist nicht mehr die 18-Jährige, die ihre Ausbildung als Altenpflegerin abgebrochen hat. Auch in ihrer Familie sind Leute gestorben. Bermes führt sie langsam heran, nimmt sie mit zu seinen Fällen, Einbruch, Körperverletzung, nicht gleich mit den ganz harten Geschichten einsteigen. An ihre Gedanken beim ersten Opfer erinnert sie sich so: „Oh… aber passt.“ Nach ein paar Jahren sagt Bermes zu ihr, und Krämer zitiert es so, dass er es einfach so gesagt haben muss: „Mädchen, du bist so weit.“ Für eigene Fälle. 2009 wird sie seine Nachfolgerin. Kontakt zu Bermes, 83, hält sie bis heute.

„Wir sind alle auch ein bisschen Telefonseelsorger“

Seitdem nimmt sie die Anrufe entgegen, verteilt die Fälle oder übernimmt sie selbst. Da war der Rentner, der nach dem Einkauf noch mal zurückging, weil er was vergessen hatte, während seine Frau schon mal die Sachen ins Auto packte. Ein Mann setzte sich in den Wagen, um damit wegzufahren, und verletzte die Frau so schwer, dass sie kurz darauf im Krankenhaus starb. „Er kam in mein Büro. Er war ganz gefasst. Wir haben Tee getrunken. Er hat viel vom Urlaub erzählt. Wie sie es sich hätten schön machen können. Und das war halt vorbei. Er ist ein herzensguter Mensch. Warum musste es ausgerechnet ihm passieren?“ Sie haben bis heute Kontakt, telefonieren. „Hallo, wie geht’s? Mehr muss ja nicht“, sagt Krämer. 2015 wurde ein 16-jähriges Mädchen nach einer versuchten Vergewaltigung erstochen und verbrannt. Vater und Schwester der Toten kamen zu ihr. Die beiden Mädchen hatten im selben Zimmer geschlafen, das brachte die Schwester nun nicht mehr fertig. Krämer half mit Geld beim Umzug.

„Wir sind alle auch ein bisschen Telefonseelsorger“, sagt sie. „Bei dem einen geht’s schnell, der andere braucht zwei Stunden.“ Krämer hat ein Büro bei der Staatsanwaltschaft. Wenn sie merkt, ein Opfer könnte für sich oder sie zur Gefahr werden, lässt sie die Tür offen, ganz unauffällig. „Es ist ja so stickige Luft hier“, erklärt sie dann. Der Schreibtisch sorgt während des Gesprächs für Distanz. Das ist Krämer wichtig. „Es hilft nicht, wenn ich mit dem Opfer mitweine. Wir sind keine Freunde, sondern Helfer.“ Aber Frau Krämer wäre nicht Frau Krämer, wenn sie nicht auch für Nähe sorgte. Indem sie ein Taschentuch hinüberreicht oder Gummibärchen.

Wenn das Tagewerk vollbracht ist, schließt sie die Bürotür. „Dann ist die zu. Meine Burg zu Hause erhalte ich mir konsequent. Das ist wie bei Polizeibeamten. Wenn die ihre Arbeit mit nach Hause nehmen, können sie ihre Arbeit nicht lange machen.“ Sie hat Möglichkeiten, um die Mauern dieser Burg zu verstärken. Sie macht autogenes Training, etwas, das sie so erklärt: „Säße ich hier und mir wäre langweilig, würde ich mich wegbeamen. Das ist, als ob man schläft.“ Außerdem strickt sie. Dann liegt ihr Kater Whiskey neben ihr, dazu trinkt sie eine Tasse Tee. Sie kann auch mit ihrem Mann über die Arbeit reden. Der engagiert sich selbst für den WEISSEN RING. Sie war kaum dabei, da tat er es ihr gleich.

„Ganz ehrlich, wir haben erst mal alle drei geweint“, sagt Waltraud Krämer über den ersten Opferkontakt nach der Amokfahrt in Trier. Foto: Mona Mou
„Ganz ehrlich, wir haben erst mal alle drei geweint“, sagt Waltraud Krämer über den ersten Opferkontakt nach der Amokfahrt in Trier. Foto: Mona Mou

Nach der Amokfahrt in Trier macht ihr die Arbeit schwer zu schaffen

„Es ist immer ein Kratzer auf der Seele“, sagt Krämer über die Opfer, die sie betreut. Selbst wenn einem nur der Geldbeutel gestohlen wurde. „Warum passiert mir das?“ Wenn nicht alles täuscht, hat das, was sich am 1. Dezember 2020 in Trier zutrug, auch bei ihr einen Kratzer hinterlassen. An diesem Tag ruft ihr Sohn gegen 14 Uhr an und sagt, sie solle bloß nicht in die Stadt kommen. „Hier ist die Hölle los.“ Ein Mann hatte sich in seinen Land-Rover gesetzt und war damit vorsätzlich durch die Trierer Fußgängerzone gerast. Drei Frauen, ein Vater und sein Baby sterben, Dutzende Passanten werden verletzt. Seit August läuft der Prozess gegen den Fahrer wegen fünffachen Mordes und versuchten 18-fachen Mordes. Krämer kennt ihn vom Sehen, er kommt aus dem Nachbarort.

Die ersten Opfer, die ihre Hilfe wollten, waren Hinterbliebene. Vater und Schwester einer Getöteten. „Ganz ehrlich, wir haben erst mal alle drei geweint“, sagt Krämer. „Ein bildhübsches junges Mädchen, einfach nicht mehr da.“ Weitere Opfer folgten. Sie half mit Geld für die Trauerkleider aus, vermittelte Anwälte, machte auf die Trauma-Ambulanz aufmerksam oder das Opferentschädigungsgesetz. Ob sie das Gefühl hatte, allen weitergeholfen zu haben? „Das Gefühl habe ich nie. Ich habe das Gefühl, man müsste eigentlich noch mehr tun können.“ So hält sie das Opferentschädigungsgesetz für zu eng gesteckt. „Wenn die Pistole an den Kopf gesetzt wird, sind Sie anspruchsberechtigt. Wenn die Pistole einen Zentimeter weg ist, nicht mehr.“

Nun braucht auch sie Hilfe

Krämer brauchte einige Wochen, um wieder in die Fußgängerzone zu gehen. Die Tatorte hat sie sich zusammen mit ihrem Mann angeschaut. Eine Weile ging sie nicht in der Straßenmitte, sondern nur am Rand. An der Porta Nigra, dem berühmten Wahrzeichen der Stadt, stellte sie eine Kerze auf. „Für mich persönlich. Es hilft niemandem, wenn man ein Kerzchen anmacht, aber das Bedürfnis war da. Es war meine Stadt. Ich habe das sehr persönlich genommen.“ Aber auch dieser Blick in den Abgrund hat ihr Menschenbild nicht zum Schlechten verändert. „Weil kein Mensch böse geboren wird.“

Die Arbeit mit den Opfern der Amokfahrt hat ihr zu schaffen gemacht. Sie wird wohl bald eine Supervision in Anspruch nehmen. Die Gespräche mit einer Psychologin sollen sie wieder aufbauen. Sonst könne sie einfach keine weiteren Fälle übernehmen. „Man hat mit Leuten zu tun, die schwerstverletzt sind. Larifari pillepallemäßig kann man es nicht machen.“

Sebastian Dalkowski