Victim Impact Statement: Eine Stimme für Opfer

Wie die Familie von Sharon Tate die US-Justiz veränderte

1969 ermordete die „Manson Family“ sieben Menschen – darunter die hoschwangere Schauspielerin Sharon Tate. Während um die Täter ein regelrechter Kult ausbrach, kämpfte Tates Familie für bessere Opferrechte – mit nachhaltigen Folgen für das US-Rechtssystem. Wie das gelang, erklärt Sharons Schwester Debra im Interview.

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Foto: Capital Pictures | GP/MPI via picture-alliance

Am 9. und 10. August 1969 ermordeten Mitglieder einer bizarren Hippie-Kommune um den Musiker Charles Manson in Kalifornien brutal sieben Menschen. Eines der Opfer war die hochschwangere Hollywood-Schauspielerin Sharon Tate, 26 Jahre alt, Ehefrau des Regisseurs Roman Polanski. Ihr Tod und der nachfolgende Strafprozess hatten einen regelrechten Medienzirkus zur Folge, um die Täter – die sogenannte Manson Family – entstand ein regelrechter Kult.

Aber noch etwas geschah: Die Familie von Sharon Tate, zunächst Mutter Doris, später Schwester Debra, begann ihren Kampf für bessere Opferrechte – mit nachhaltigen Folgen für das amerikanische Rechtssystem.

Frau Tate, wir möchten mit Ihnen über den Sommer 1969 reden, seine Folgen für Ihre Familie und für das kalifornische Rechtssystem. Zunächst aber: Was war das für ein Sommer bis Ende Juli, welche Stimmung lag über dem Land?
Im Sommer 1969 befanden sich die Vereinigten Staaten im Übergang von einer Ära, die an die Fernsehserie „Happy Days“ erinnerte, zu einer weniger zugeknöpften Hippie-Ära der freien Liebe. Die Musik von den Beatles, The Mamas and the Papas und der Woodstock-Generation war überall zu hören. Charles Manson hatte sich ein paar Jahre zuvor in die Hippie-Bewegung eingereiht, aber man darf sich nicht täuschen – er und seine Kommune waren alles andere als Hippies. Er nannte sich und seine Anhänger „Slippies“. Er sagte, er wolle, dass sie „unter das Bewusstsein der Gesellschaft schlüpfen“ – sie sollten so tun, als seien sie friedliebende Hippies, damit die Leute nicht merken, dass sie in Wirklichkeit maskierte Monster sind.

Wo und wie haben Sie diesen Sommer verbracht?
Ich verbrachte den Sommer in dem von meiner Schwester Sharon gemieteten Haus am Cielo Drive in Los Angeles, in dem sie am 9. August 1969 ermordet wurde. Das war, bevor Sharon aus Italien zurückkehrte, wo sie ihren letzten Film „Zwölf plus eins“ fertigstellte. Ich verbrachte die Tage mit ihren Hausgästen Abigail Folger und Voytek Frykowski sowie mit Sharons Freund Jay Sebring, der mit mir Besorgungen in der City machte. Als Sharon nach Hause zurückkehrte, half ich ihr bei den Vorbereitungen für die Geburt ihres Kindes und für die bevorstehende Geburtstagsfeier ihres Mannes Roman Polanski, der zu diesem Zeitpunkt zu Dreharbeiten in England war. Wir sahen uns in diesem Haus die Mondlandung an – es sollte das letzte Mal sein, dass ich Sharon lebend sah.

Wie erinnern Sie sich an Sharon als große Schwester? Was war sie für ein Mensch?
Sharon war ein wunderbarer Mensch. Freundlich, sanft, warmherzig, liebevoll. Jeder, der mit ihr in Kontakt kam, hat nur gute Erinnerungen an sie. Man kann keine sanftere, freundlichere Seele treffen.

Wo waren Sie am 9. August 1969, und wie haben Sie die Tage danach erlebt?
Ich war zu Hause und duschte gerade, als der Anruf kam, dass es bei Sharon zu Hause ein Problem gebe. Meine Mutter teilte mir schließlich mit, dass Sharon tot ist. Die nächsten Tage waren ein Wirbelsturm, in dem ich versuchte zu verstehen, was passiert war und warum. Gleichzeitig kümmerte ich mich um meine kleine Schwester und meine trauernde Mutter, während mein Vater versuchte, die Polizei mit Informationen aus unserer Familie bei ihren Ermittlungen zu unterstützen. Wir mussten uns auch um Sharons Beerdigung kümmern. Es war eine furchtbare Zeit.

Was hat diese schreckliche Tat in Ihrer Familie ausgelöst?
Die Tat hat unsere Familie erschüttert. Für uns würde nie wieder alles so sein wie früher. Sharon war meine beste Freundin. Plötzlich war sie weg – und hinzu kamen dann auch noch die unerträglichen Spekulationen und falschen Geschichten in den Medien, die ihr Leben und ihren Charakter in den Schmutz zogen. Sie machten jeden von Sharons Freunden zu einem potenziellen Verdächtigen. Es war eine sehr verwirrende Zeit: Wir verstanden nicht, warum sie ermordet worden war und welches Motiv jemand gehabt haben könnte hatte, sie zu töten.

Ein Täter bekommt manchmal eine lebenslängliche Strafe, das Opfer und die Angehörigen bekommen immer lebenslänglich. Stimmen Sie diesem Satz zu?
Ja, unsere Familie trägt diese Last, seit diese Verbrechen begangen wurden. Ich bin jetzt das einzige lebende Mitglied der Tate-Familie, das für Gerechtigkeit für Sharon kämpft, und das werde ich den Rest meines Lebens tun. Meine Mutter sagte bei einer Bewährungsanhörung für eine von Sharons Mörderinnen namens Susan Atkins: „Sharon wurde ohne Prozess oder Geschworene zum Tode verurteilt. Ich wurde zu lebenslanger Haft ohne die Möglichkeit einer Bewährung verurteilt. Ich frage Sie also: Sollte Susan Atkins‘ Strafe geringer ausfallen?“

In Deutschland arbeitet die Strafjustiz immer täterzentriert: Was war das Motiv des Täters, wie kann seine Tat bewiesen werden, gibt es strafmildernde Umstände? Die Frage, was eine Tat mit den Opfern oder dessen Angehörigen macht, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Wie war das bei dem Prozess 1971?
Ja, leider hat der Medienzirkus rund um Sharons Prozess den Blick mehr auf die bizarre Mörder-Sekte gelenkt als auf die Opfer, die schnell vergessen waren. Charles Manson und die Mitglieder seiner Sekte suchten die Aufmerksamkeit der Medien und machten Publicity: Sie ritzten sich ein X in die Stirn, rasierten sich die Köpfe, krochen 20 Meilen durch Los Angeles, gaben Interviews und hielten während des gesamten neunmonatigen Prozesses eine Mahnwache vor dem Gerichtssaal. Dies lenkte den Fokus auf sie selbst und weg von den Opfern, was die Angehörigen der Mordopfer täglich mehr leiden ließ. Leider bekommen die Mörder seit über 50 Jahren diese Aufmerksamkeit.

Zehn Jahre nach den Taten war Ihre Mutter Doris Tate entsetzt über den wachsenden Kultstatus der Mörder und vor allem von Charles Manson. Wie konnte es zu diesem Kultstatus kommen?
Hätte Sharon nicht den Ruhm gehabt, den sie in ihrem kurzen Leben als für einen Golden Globe nominierter Filmstar erlangte, hätte keiner dieser Gruppe von Kriminellen, die sich um einen Berufsverbrecher wie Charles Manson sammelte, so viel Beachtung geschenkt. Die Medien halfen, einen Zirkus um diese Verbrecher zu veranstalten, die nichts anderes geleistet hatten als gewalttätige, willkürliche Morde zu begehen. Es ist schlimm, dass ihr Ruhm die Erinnerung an die wunderbaren Menschen überschattet, die sie von dieser Erde genommen haben.

Ihre Mutter fürchtete, dass die Täter vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen werden. War ihre Sorge berechtigt?
Ja, auf jeden Fall – und sie ist es immer noch! Drei Mitglieder der Manson Family wurden vor kurzem wiederholt vom zuständigen Ausschuss zur Bewährung empfohlen. Der Gouverneur hob diese Entscheidungen auf, aber darauf können wir uns nicht immer verlassen. Ich gehe zu allen Bewährungsanhörungen und kämpfe weiter für Gerechtigkeit für Sharon und alle Opfer, die die sogenannte Manson-„Familie“ hinterlassen hat.

Was tat Ihre Mutter damals, um die Freilassungen zu verhindern?
Meine Mutter setzte sich unermüdlich für die Opfer ein. Nachdem sie ihre lähmenden Depressionen wegen des Mordes an Sharon überwunden hatte, kämpfte sie dagegen, dass einer der Mörder auf Bewährung entlassen wurde. Das führte schließlich dazu, dass sie sich für alle Verbrechensopfer engagierte und für die Gefängnisreform. Sie trat dem L.A.-Zweig von „Parents of Murdered Children“ (Eltern ermordeter Kinder) bei und veranstaltete Treffen für Opfer in ihrem eigenen Wohnzimmer. Sie trat im Fernsehen auf, reiste um die Welt, traf überall Opfer und inhaftierte Straftäter. Sie gründete eine eigene Gruppe für Opfer namens C.O.V.E.R. (Coalition on Victims Equal Rights). Sie ging sogar in die Politik. Sie war an der Verabschiedung von Proposition 89 beteiligt, die es dem Gouverneur von Kalifornien ermöglicht, die Entscheidung eines Bewährungsausschusses aufzuheben. Nur Proposition 89 hat in den vergangenen Jahren verhindert, dass drei Mörder der Manson Family auf Bewährung entlassen wurden!

Wie entstand die Idee zum „Victim Impact Statement“, das Opfern und ihren Angehörigen eine hörbare Stimme geben sollte?
Meine Mutter setzte sich 1982 für die Verabschiedung von Proposition 8 ein, dem Gesetz über die Rechte der Opfer. Es erlaubt Aussagen von Opfern vor der Verurteilung von Gewaltverbrechern. Sie war der erste Mensch in Kalifornien, der bei einer Bewährungsanhörung ein solches „Victim Impact Statement“ abgab.

Was genau ist ein „Victim Impact Statement“?
Ein „Victim Impact Statement“ gibt den Angehörigen des Opfers die Möglichkeit, über den Schmerz zu sprechen, den die Straftat in ihrem Leben verursacht hat. Es erlaubt einer trauernden Familie, den Täter direkt anzusprechen und ihn über den Schmerz aufzuklären, den er nicht nur dem Opfer bereitet hat, sondern auch ihnen. Die Familie kann dem Gericht und dem Bewährungsausschuss erklären, welchen Schaden das Verbrechen in ihrem Leben angerichtet hat. Sie gibt auch dem Opfer eine Stimme, das nicht mehr für sich selbst sprechen kann. Das Statement erlaubt es der Familie, dem Täter zu sagen, wie sich ihr Leben durch seine Tat für immer verändert hat.

Das „Victim Impact Statement“ soll in die spätere Urteilsbegründung mit einfließen. Kritiker befürchten, dass Urteile dadurch zu hart und somit ungerecht werden können, da sie emotional aufgeladen werden …
Eine wahrheitsgemäße Aussage über die schweren Auswirkungen einer Straftat auf das Opfer und seine Angehörigen ist relevant für eine korrekte Strafzumessung. Um das volle Ausmaß einer Straftat zu verstehen, ist es unverzichtbar, den gesamten Schaden zu sehen, den das Verbrechen verursacht hat. Wenn dies bei der Urteilsfindung oder Strafzumessung nicht relevant ist, weiß ich nicht, was sonst relevant sein könnte.

Wie vielen Opfern und ihren Angehörigen hat Ihre Familie mit dem „Victim Impact Statement“ eine Stimme gegeben?
Oh, die Zahl wäre zu groß, um sie zu berechnen oder auch nur zu schätzen. Die Folgen, die ich in meinem Leben gesehen habe, sind von unschätzbarem Wert.

Ihre Schwester war eine bekannte Schauspielerin. Glauben Sie, dass die Arbeit Ihrer Familie hätte gelingen können, wenn Sharon Tate nicht so berühmt gewesen wäre?
Nein, das wäre wohl nicht der Fall gewesen. Der Medienzirkus, der seit dem Prozess um die Verbrecher gemacht wurde, war eine Schande. Aber wenn diese Schande mehr Aufmerksamkeit auf die Arbeit der Opfer-Anwälte lenkte, die von meiner Mutter begonnen wurde und von mir bis heute fortgeführt wird, dann ist das vielleicht zumindest etwas Positives in all dem Negativen. Es würde mich freuen, wenn Sharons Ruhm und die Berühmtheit, die diese Verbrechen erlangt haben, Veränderungen zum Guten im Strafrecht und im Leben der vielen Opfer bewirken könnten.

Was raten Sie Opfern oder Opfer-Angehörigen, die ohnmächtig vor den Trümmern ihres bisherigen Lebens stehen?
Ich würde ihnen raten, sich mit anderen Opfern beziehungsweise Angehörigen zusammenzutun. Es gibt Kraft und Stärke, wenn man sich mit anderen in ähnlichen Situationen austauscht, die helfen können, den Schmerz des Verlustes zu lindern. Menschen, die ähnliche Erfahrungen teilen, können Therapie und Unterstützung sein und einander helfen, diese unerträgliche Zeit zu überstehen.

Heute wachen Sie über das Vermächtnis Ihrer Familie und betreiben eine Website zum Gedenken an Ihre Schwester. Welche Ziele wollen Sie noch erreichen?
Solange ich lebe, werde ich das Erbe der Familie Tate bewahren. Ich werde zu allen Bewährungsanhörungen im Zusammenhang mit den Mördern der Manson-Sekte gehen. Ich kämpfe weiter gegen die Freilassung jedes dieser Mörder. Auf meiner Website www.NoParoleForMansonFamily.com können Menschen aus aller Welt meine Petitionen unterschreiben, in denen ich die Bewährungsausschüsse und den Gouverneur auffordere, keine Bewährung zuzulassen. Ich betreibe auch eine Website zum Andenken an Sharon unter www.SharonTate.net und habe 2014 ein Buch über sie mit dem Titel „Recollection“ veröffentlicht. Ich werde für den Rest meines Lebens eine starke Stimme für die Opfer von Gewaltverbrechen sein!

Interview: Tobias Großekemper & Karsten Krogmann