Bad Tölz

Meister im Wiederaufstehen

Eine krumme Wirbelsäule, ein Herzinfarkt, kein Zugang zum Traumjob – Christoph Fuchs hat in seinem Leben einiges einstecken müssen. Unterkriegen ließ er sich nie, jetzt hilft er anderen Menschen.

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Foto: Kathrin Hollmer

Müsste man Christoph Fuchs in einer einzigen Anekdote beschreiben, sie ginge wohl so: Wenige Tage nach einer Operation am Kiefer sitzt er auf dem Heimtrainer in dem Fitnessraum, den er sich in seinem Haus in Lenggries eingerichtet hat. Seine „Alexa“ spielt Bruce Springsteen und Truck Stop, die hört er am liebsten. Ob er sich trotz der OP in nächster Zeit ein Treffen vorstellen könne, für das Interview, fragt man vorsichtig am Telefon. Seine Antwort kommt prompt: „Von mir aus gleich morgen.“

Wenn Fuchs die Treppe im Evangelischen Gemeindehaus in Bad Tölz hochspringt, vergisst man, dass er 72 Jahre alt ist. Seit elf Jahren ist er beim WEISSEN RING und fast genauso lang stellvertretender Leiter der Außenstelle Bad Tölz-Wolfratshausen.

Wegen der Corona-Pandemie trifft er Opfer nun oft im „Grünen Zimmer“, in dem auch dieses Gespräch stattfindet. Grün ist hier nichts. Vor einer weißen Wand ist ein Stuhlkreis aufgestellt, in einem Regal liegen Broschüren aus. Zum Verein kam Fuchs nach seiner vorzeitigen Pensionierung als Kämmerer. „Langweilig war mir nie“, sagt er. Jeden Tag treibt er eine Stunde Sport, geht oft in die Berge, immer die gleiche Runde – „die Aussicht kenn ich ja schon“. Fuchs lacht, dass sich sein Schnauzbart hebt. Er gestikuliert ausladend, hält kaum einen Moment still und natürlich muss man das auf sein Gemüt übertragen: Andere genießen ihren Ruhestand, Fuchs suchte eine Aufgabe, ein Ehrenamt, bei dem er Menschen helfen kann.

Traumberuf Polizist

In einem Bericht im „Tölzer Kurier“ las er, dass der WEISSE RING ehrenamtliche Mitarbeiter sucht, und meldete sich bei der Außenstelle. Als Jugendlicher wollte Fuchs, der in Wackersberg im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen aufgewachsen ist, Polizist werden. „Ich kann nicht dabei zusehen, wenn jemand leidet“, erklärt er, „egal ob Mensch oder Tier.“ Er erinnert sich an einen Mitschüler, der einen lebenden Frosch an einen Zaun genagelt hat – „Das vergesse ich nie, so brutal war das.“ Vor einer Weile ist ihm eine Katze zugelaufen. „Meine Frau und ich wollten eigentlich keine mehr, nachdem die letzte überfahren worden ist“, sagt er. Auf der Straße lief das Tier auf ihn zu und wich nicht mehr von seiner Seite. Natürlich nahm er es mit nach Hause.

Bei der Polizei konnte Fuchs seinen Gerechtigkeitssinn nicht ausleben, denn wegen seiner verkrümmten Wirbelsäule wurde seine Bewerbung abgelehnt. Dabei war er schon damals ein guter Sportler und boxte viel. Sein Orthopäde bescheinigte ihm in einem Gutachten, dass er einsatzfähig ist. Damit bewarb er sich wieder, doch bei der Polizei ließ man sich seine Röntgenaufnahmen zeigen. „Da war ich wieder genauso weit“, sagt Fuchs und lacht laut.

„Da muss man durch“

Er ist, das merkt man schon nach wenigen Minuten Gespräch, ein Meister im Wiederaufstehen. Sein Schwerbehindertenausweis bescheinigt ihm 90 Prozent Behinderungsgrad, wegen seiner krummen Wirbelsäule musste er frühzeitig in den Ruhestand gehen. Seit einem Herzinfarkt hat er acht Stents. „Damals haben sie mich ins Krankenhaus nach München geflogen, ich wär bald gestorben.“ Fuchs ergänzt sofort: „Ich nehme meine Medikamente und spür so gut wie nichts – mir gehts prächtig.“

Im März 2020 fiel er beim Obstbaumschneiden auf die Aluleiter und brach sich den Oberkiefer, das Jochbein und den Augenbogen. Unerhört, wenn es nach Fuchs geht: „Ich bin schon so oft runtergefallen, mir ist nie was passiert“, sagt er trocken. Damals wurde er zwei Mal operiert, konnte lange nichts essen, sogar die Suppe brannte im Mund. O-Ton Christoph Fuchs: „Da muss man durch.“ Vor ein paar Tagen wurden die Schrauben im Kiefer entfernt, seine Wange ist noch leicht geschwollen.

Nach den Absagen von der Polizei machte Fuchs eine Ausbildung beim Landratsamt. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er im Rathaus in Lenggries. Bei seiner Arbeit für den WEISSEN RING hilft ihm das: Anträge an die Versicherung, Briefe an Ämter und Anwälte zu formulieren fällt ihm leicht – „und wenn ich etwas nicht weiß, mach ich mich im Internet schlau“.

Ein Stück weit Gerechtigkeit

Wie bei dem Ehepaar aus Bad Tölz, das im vergangenen Herbst von ihrem Sohn niedergestochen wurde. „Der junge Mann war auf Drogen und geistig verwirrt“, sagt Fuchs. Das Paar lag lange mit Stichverletzungen im Krankenhaus, hat psychische und finanzielle Probleme. Fuchs half bei der Suche nach einem Therapieplatz und trieb über Stiftungen Geld für die beiden auf.

Mit seinem Traumberuf mag es nicht geklappt haben, beim WEISSEN RING lebt Fuchs ihn trotzdem. „Wir haben ja meistens mit Menschen zu tun, denen Unrecht geschehen ist“, sagt er, „und sorgen für ein Stück weit Gerechtigkeit.“ Wenn ein Opfer bei betrügerischen Gewinnspielen kündigt und Drohbriefe erhält, antwortet Fuchs in seinem Namen. „Wenn die merken, da kennt sich jemand mit dem Rechtlichen aus, ist ganz schnell Schluss damit.“ Man hört durchaus Stolz in seinen Worten. „Solche Leute mag ich dann schon in die Schranken weisen.“

Bis vor kurzem schrieb er einmal im Monat die Kolumne „Aber sicher“ für den „Tölzer Kurier“, in der er anonymisiert von seinen Fällen berichtet: von Trickbetrügern und Kaffeefahrten, von Einbrüchen, häuslicher Gewalt, K.-o.-Tropfen und Cybermobbing. Im Bierzelt in Lenggries rannte einmal eine fremde Frau auf ihn zu. „Ich dachte, was ist jetzt los?“, erzählt Fuchs. „Da sagte sie, dass ihr ein fremder Mann an der Haustür eine dubiose Versicherung aufschwatzen wollte – aber wegen meines Berichts war sie vorsichtig.“

100 Kolumnen geschrieben

Im Laufe der Jahre bekam er viele Rückmeldungen von dankbaren Lesern. Genau 100 Kolumnen hat er geschrieben, ehrenamtlich. „Bevor jemand fragt, ob ich nicht lieber aufhören will, wollte ich lieber selbst aufhören“, erklärt er. Nur einen einzigen Monat erschien die Kolumne nicht – als er mit dem Herzinfarkt im Krankenhaus lag. „Meine Frau bremst mich immer ein bisschen.“ Fuchs grinst. „Ich mache normal nicht so lange Pause.“

Seine Frau hat sich daran gewöhnt, dass ihr Mann auch im Ruhestand beinahe jeden Tag einen Termin hat. Er nimmt sich Zeit, hört zu, was das Opfer zu sagen hat, besucht es auch mehrmals – „Da gibts für mich keine Grenzen!“ Gerade ältere Menschen erzählen ihm oft ihre ganze Lebensgeschichte und kramen Urlaubsfotos hervor. „Einmal hat mir eine 80-jährige Dame zwei Topflappen geschenkt, die sie in ihrer Jugend gehäkelt hat – können Sie sich vorstellen, wie alt die waren!“

Ein anderes Mal bekam er einen angetrunkenen Piccolo überreicht. Sein Schnauzbart bebt. Es gibt auch Opfer, denen er nicht helfen kann. Frauen, die häusliche Gewalt erleben und trotzdem immer wieder zu ihren Partnern zurückkehren. Diese Fälle beschäftigen ihn länger. Genauso wie die Familie, die im Nachbarort ausgeraubt wurde und sich nicht einmal mehr etwas zu Essen kaufen konnte. „Es war Winter, es hat geschneit und ich bin mit dem Auto gerutscht“, erinnert sich Fuchs, „aber ich musste da hin und ihnen Bargeld bringen, damit sie übers Wochenende
kommen.“

Anders als bei der Polizei kann Fuchs den Opfern bis zur Gerichtsverhandlung und darüber hinaus beistehen. Wie wichtig das ist, merkt er während jeder Verhandlung im Amtsgericht in Wolfratshausen. Dort sitzen die Opfer im Zeugenstand nur zwei Meter vom Angeklagten entfernt. Damit sie dem Täter nicht in die Augen sehen müssen, setzt sich Fuchs dazwischen. Auf dem Fensterbrett im „Grünen Zimmer“ liegt ein Stein mit der Aufschrift „Alles wird gut“. Christoph Fuchs tut alles dafür.

Kathrin Hollmer