Hass gegen Transmenschen

Leben im Dazwischen – in ständiger Alarmbereitschaft

Wer als Transmensch in Deutschland lebt, muss damit rechnen, Opfer von Hass und Hetze werden zu können – oder sogar von Gewalt.
Über ein Leben in ständiger Alarmbereitschaft.

Weiterlesen

Foto: Gerd Altmann (Pixabay)

Wenn Matthias Dalbert sich im öffentlichen Raum bewegt, ist Vorsicht das oberste Gebot. An einem Tag im April sitzt Dalbert deshalb mit einer schwarzen Jacke auf einer Parkbank. Es gilt, unauffällige Kleidung zu tragen, auf jedes Wort zu achten und genau auf dem Schirm zu behalten, was in unmittelbarer Umgebung geschieht. Welche Personen sind in der Nähe, wie sehen sie aus und wie bedrohlich könnten sie sein?

Matthias Dalbert hat ein rundes, freundliches Gesicht, kurze Haare, trägt einen Ohrring und hat eine weiche, aber resolut wirkende Stimme. Dalbert, Anfang 30, lebt in Berlin und heißt eigentlich nicht so, will aber aus Sicherheitsgründen anonym bleiben. Dalbert fühlt sich genötigt, in der Öffentlichkeit möglichst wachsam zu sein. Zu viele Anfeindungen und Gewalterfahrungen hat es bereits gegeben. Leute machten unabgesprochen Fotos, sie spuckten, brüllten Beleidigungen, warfen Gegenstände oder verfolgten Dalbert. Hass und Hetze als ständige Begleiter im Alltag.

Alles, weil Dalbert sich als genderfluid verortet. Sich nicht auf ein Geschlecht festlegen will. Mann oder Frau. Das ist Dalbert zu rigide. Dalbert möchte dazwischen bleiben. Und je nach Gefühl leben. Doch erlebt Dalbert immer wieder, dass andere Menschen das nicht akzeptieren wollen. Sie erwarten eine Entscheidung: Mann oder Frau. Nichts dazwischen.

Dalbert spricht von Geschlechterboxen, in die Menschen, denen es so geht, gepresst werden sollen. Box, Deckel drauf, Mensch eingesperrt. Dalbert möchte sich aber nicht einsperren lassen. Und auch nicht mit „er“ oder „sie“ angesprochen werden. Dalbert schlägt „m“ als geschlechtsneutrales Neopronomen vor.

Transmenschen erleben oft Diskriminierung und Gewalt

Ein Leben zwischen den dominierenden Geschlechtern – nicht nur Dalbert hat deswegen Gewalt und Diskriminierung erlebt, sondern auch viele andere genderfluide Menschen. Und nicht nur sie, sondern auch andere, die zur Gruppe der Transpersonen gehören. Menschen also, deren Geschlechtsidentität nicht oder nicht vollständig mit dem bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht übereinstimmt. Wie viele Transmenschen in Deutschland leben, dazu gibt es bislang keine genaue Statistik. Die Angaben reichen von vierstelligen bis zu sechsstelligen Zahlen. Und auch die Untersuchungen zu Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen von Transmenschen geben wenig Aufschluss. Belastbare Zahlen gibt es kaum. Das Ausmaß lässt sich allenfalls erahnen.

Die Zahl der 2020 in Deutschland gezählten transphoben Straftaten etwa klingt für eine Gesellschaft mit rund 83 Millionen Einwohnern nicht hoch. 204 transphobe Straftaten hat das Bundeskriminalamt (BKA) für 2020 dokumentiert. Darunter 40 Gewalttaten. Doch die Dunkelziffer dürfte ungleich höher liegen.

Viele Straftaten kommen nicht zur Anzeige

Vor allem deshalb, weil viele Betroffene nach Gewalterfahrungen nicht zur Polizei gehen. Der Mut, Transfeindlichkeit anzuzeigen, sei zwar ein wenig gewachsen, weil einige einen Beitrag zu einer besseren Gesellschaft leisten wollen, sagt Julia Monro von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität. Allerdings seien viele auch gehemmt, Strafanzeige zu erstatten, weil sie weitere stressverursachende Situationen eher vermeiden wollten. Denn Diskriminierung erlebten sie in allen Lebensbereichen, sagt Monro.

Aber auch der fehlende sensible Umgang von Polizeikräften, Staatsanwaltschaften und Gerichten sei ein großes Hemmnis, da viele nur unzureichende Kenntnisse über das Thema besäßen. „Trans“ werde noch immer häufig als psychische Erkrankung gesehen, als sexuelle Neigung gewertet oder die Anrede mit dem Wunschnamen verweigert, wenn eine Namensänderung noch nicht stattgefunden hat, sagt Monro.

Hinzu komme das Problem des „Zwangsoutings“: „Eine Anzeige würde bedeuten, dass man sich offenbaren muss in seiner Geschlechtsidentität“, so Monro. „Eine Transperson, die etwa im privaten Umfeld noch nicht geoutet ist und das ‚Trans-Sein‘ nur in einer vertrauten Community in einer Art Doppelleben lebt und auf der Straße attackiert wird, die überlegt es sich besonders gut, ob sie bereit ist, Anzeige zu erstatten, denn das würde einem Outing gegenüber ihrer Familie und ihrem Umfeld gleichkommen.“

Transphobe Straftaten erstmals gesondert erfasst

Überhaupt war 2020 das erste Jahr, in dem das BKA Kriminalität gegen das Geschlecht und die sexuelle Identität gesondert erfasst hat. Vorher fielen transphobe Straftaten unter jene gegen die sexuelle Orientierung. Lesbische, schwule und bisexuelle Menschen wurden dabei also mit trans- und intergeschlechtlichen Personen (LSBTI) zusammengefasst, obwohl letztere Bezeichnungen nichts über sexuelle Orientierung aussagen. Die Straftaten gegen die sexuelle Orientierung fielen mit 578 ähnlich hoch aus wie 2019 (576). Fasst man jedoch diese Zahl mit der zu den transphoben Straftaten zusammen, ergibt sich ein Anstieg von 36 Prozent.

Die EU-Grundrechteagentur hat 2019 zudem untersucht, welche Erfahrungen LSBTI in Europa mit Gewalt und Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität gemacht haben. So gaben etwa 13 Prozent der Befragten in Deutschland an, in den fünf Jahren vor der Umfrage sexualisierte oder physische Gewalt erlebt zu haben. Deutschland lag dabei nur knapp hinter Polen, Rumänien, Belgien und Frankreich und gleichauf mit Ungarn. Zahlen allein zu Transpersonen in Deutschland wurden in dieser Kategorie nicht gesondert dargestellt.

Die Bedrohungslage lässt sich schwer einschätzen, sagt Julia Monro. Doch das Problem ist da. „Gewalt gegen Transmenschen ist ein ständiger Begleiter im Alltag. Wenn es keine körperlichen Übergriffe sind, dann sind es oft verbale Attacken, aber auch bewusste Diskriminierungen auf der psychischen Ebene, wie beispielsweise die aktive Verweigerung des ‚richtigen‘ Namens oder ausbleibende Unterstützung von Behörden“, sagt Monro.

Unterwegs nur mit Telefon-Backup

Auch Matthias Dalbert berichtet davon. M kenne zudem viele Transmenschen, die jeden Tag im öffentlichen Raum Gewalt erleben. Manche würden das Haus nicht ohne Telefon-Backup verlassen. „Da schreibt dann eine Person ‚Ich gehe jetzt los’, damit die andere weiß, wo sie hingeht und wie lange sie etwa braucht. Und dann schreibt sie, wenn sie angekommen ist. Wenn nicht, würde die andere Person das Haus verlassen und schauen, wo sie abgeblieben ist“, so Dalbert. Alles, weil sie sich so unsicher fühlen auf Berlins Straßen.

M selbst hat eine lebensbedrohliche Gewalterfahrung hinter sich. Dalbert schildert sie so: Vor einigen Jahren sitzt m gemeinsam mit einer weiteren Person auf einer Parkbank, als plötzlich ein Fahrradfahrer anhält und Dalbert fragt, ob m ein Mann oder eine Frau sei. „Fahr einfach weiter“, sagt Dalbert. Doch das tut der Mann nicht. Erneut fragt er nach Dalberts Geschlecht und kommt näher. Dalbert steht auf. „Fahr einfach weiter“, wiederholt m. Der Mann aber stellt sein Fahrrad ab und kommt nun richtig nah. „Ich stech’ dich gleich ab, wenn du mir nicht sagst, ob du ein Mann oder eine Frau bist“, brüllt er.

Ein Messer sieht Dalbert nicht. Doch der Fahrradfahrer tritt so aggressiv auf, dass m sich sicher ist, mindestens ins Gesicht geschlagen zu werden. Selbst wenn m sich unterordnen würde. Dalbert steht da, atmet in die aufflammende Wut. „Ich schneide dir gleich deine hübschen blauen Augen raus, wenn du es mir nicht sagst“, droht m der Radler. Dalbert wird klar: Er liest m als Frau. Vermutlich, denkt m, erwartet ein gewalttätiger Mann wie er, dass Dalbert sich ihm unterordnet.  

Dalbert fasst einen Entschluss

Dass m heil aus der Situation herauskommt, glaubt Dalbert jetzt nicht mehr. M atmet weiter, doch die Wut kontrolliert nun den Körper. „Ist mir jetzt egal“, denkt Dalbert, und will die letzten zehn Zentimeter zwischen sich und dem Radfahrer selbst überbrücken. „Wenn er mich schon umbringt, dann will ich aber auch ein Stück von ihm mitnehmen“, denkt Dalbert. Dass m nun selbst in die Offensive geht, scheint den Mann abzuschrecken. Er weicht zurück. „Was denkst du denn, wer du bist“, schreit er. Der Mann schnappt sich sein Fahrrad, fährt weiter und hält etwa 50 Meter weiter bei einer Gruppe von Menschen an. Dann schlägt er eine Person nieder. Am Ende erscheint die Polizei, der Fall kommt zur Anzeige. Immerhin. „Doch da war mir klar“,  sagt Dalbert, „das hätte es auch gewesen sein können.“

Im nächsten halben Jahr habe m immer wieder Panikattacken bekommen, erzählt Dalbert. Da sei m klar geworden, noch vorsichtiger werden zu müssen in der Öffentlichkeit. Keine geblümten Hemden, keine extravaganten Haarschnitte, die eigene Identität möglichst nicht mehr sichtbar machen. „Das Risiko ist mir persönlich einfach zu hoch“, sagt Dalbert.

M hält sich fast ausschließlich unter anderen LSBTI auf oder sogar nur unter Transmenschen. Da sei das Verständnis einfach größer. In den ersten 20 Lebensjahren sei m nur in die Box „Frau“ gedrückt worden. Nach der Entscheidung rechtlich, medizinisch und sozial zu transitionieren – sich entsprechend der eigenen Identität zu präsentieren, Vornamen und Personenstand zu ändern und einige körperliche Geschlechtsmerkmale anzugleichen – fühlte sich Dalbert jedoch stark in die Box Mann gedrückt, weil m von vielen als Mann und nicht als genderfluid gelesen wurde.

Erst drückt der Schuh auf der einen, dann auf der anderen Seite

„Die ersten Bewegungen aus der Box ‚Frau‘ raus haben mir eine Freiheit gegeben, mich so auszudrücken, wie es mir entspricht. Aber dann in die andere Box rein – das  hätte geheißen, andere Dinge aufgeben zu müssen, und das wollte ich nicht. Sondern ich wollte eben ich sein und nicht irgendeiner Rolle entsprechen und mich dann irgendwo beschneiden“, erzählt Dalbert. Dann habe m sich gefragt: Wie kann man transitionieren, ohne dass der Schuh erst an der einen und später an der anderen Seite drückt? „Nur weil die Gesellschaft denkt, Männer oder Frauen dürfen dieses oder jenes nicht. Und das war mir einfach zu eng. Da hatte ich keine Lust drauf.“ M fühle sich tendenziell mehr als Mann, aber das variiere. Gender, sagt Dalbert, sei einfach nicht der wesentliche Punkt, „auf dem meine Identität fußt“.

Für den Großteil der Gesellschaft ist das anders. Fällt es deshalb vielen schwerer, Verständnis für Transmenschen aufzubringen? „Es ist gesellschaftlich so stark als anders und abweichend markiert. Man wird nicht mehr als ähnlich wahrgenommen und deswegen setzt sämtliche Empathie aus“, sagt Dalbert. Nach dem Outing habe m das Gefühl gehabt, Schritt für Schritt die Cis-Hetero-Privilegien zu verlieren. Als „cis“ werden Menschen bezeichnet, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugeschrieben Geschlecht übereinstimmt – in der Regel aufgrund der sichtbaren körperlichen Geschlechtsmerkmale.

Viele würden einen auf einmal anders behandeln, sagt Dalbert. Gemerkt habe m das etwa beim Bäcker. Oder auch beim eigenen Hausarzt. Dalbert fühlte sich bei ihm lange gut aufgehoben. Der Arzt sei zugewandt gewesen und habe sich Zeit genommen. Dann habe m erzählt, „trans“ zu sein, und es sei schlechter geworden. Kein Augenkontakt mehr, keine Zeit mehr, nicht mehr Kommunikation als nötig.

Diskriminierung am Arbeitsplatz

Auch Diskriminierung in Bewerbungsprozessen oder am Arbeitsplatz hält Dalbert für keine Seltenheit. „Ich kenne Personen, die haben in den letzten Jahren 300 Bewerbungen geschrieben und kriegen keinen Job, obwohl sie hochqualifiziert sind“, sagt Dalbert. M ist überzeugt, dass das an der Geschlechtsidentität jenseits der Norm liegt.

In einer Studie des Instituts für Diversity und Antidiskriminierungsforschung von 2017 gaben zudem 46,2 Prozent der Transbeschäftigten an, wegen ihrer Geschlechtsidentität schlechter behandelt zu werden. Erfragt wurden Kriterien wie Urlaub, Gehalt und Wertschätzung. Ebenfalls mehr als 46 Prozent empfanden es demnach häufig als notwendig, ihre Geschlechtsidentität zu verschweigen –  auch wenn insgesamt 76,5 Prozent der Transbeschäftigten angaben, an ihrem Arbeitsplatz offener mit ihrer Geschlechtsidentität umgehen zu können als noch 2007, als es eine vergleichbare Studie gab.

Doch viele können optisch gar nicht verbergen, dass sie „trans“ sind. Da sehe man es auf den ersten Blick, sagt Dalbert, was gar nicht alle wollten. „Die Frage ist halt, was ist authentisch und wie will ich mein Leben leben? Wie bewege ich mich und wie ziehe ich mich an? Und mache ich das aus Sicherheitsgedanken oder weil ich meinem authentischen Ich Ausdruck verleihen will?“

Was ist ein richtiger Mann, was eine richtige Frau?

M stört vor diesem Hintergrund vor allem eines: Die Gesellschaft kreise zu sehr darum, was ein richtiger Mann, was eine richtige Frau sei. Dalbert findet, es wäre ein Fortschritt, wenn sich alle fragen würden, was sie für einen richtigen Mann und eine richtige Frau halten – und warum. Und wie sie jemanden sehen, der sich nicht so verhalte, wie sich ihrer Meinung nach eine richtige Frau oder ein richtiger Mann verhalten sollte. „Die meisten Leute werden da feststellen, dass es bei denen, die sich nicht so verhalten wie ein in ihren Augen richtiger Mann oder eine richtige Frau, abwertende Gedanken aufkommen. Und das ist ein Spiegel von dem, was man selbst gelernt hat“, sagt Dalbert.

Ein Großteil der Diskriminierung, glaubt m, geht darauf zurück, dass immer noch die Denkweise vorherrscht: Mädchen und Jungs haben „normal“ und hetero zu sein, alles andere ist problematisch. „Ich würde schon sagen, dass da viel auf die Sozialisation zurückzuführen ist. Wir werden so erzogen“, sagt Dalbert. „Nimm die Beine zusammen“ oder „Jungs weinen nicht“, nennt m als Beispiele. „Ich glaube, da sind so viele Verletzungen auf der Basis von Geschlecht. Und da schwimmt so mit, ich muss ein richtiger Mann oder eine richtige Frau sein.“

Der Trans-Szene werde oft vorgeworfen, sie wolle die Geschlechter abschaffen, sagt Dalbert. Dabei wollten diese Menschen nur so sein, wie sie sind. Ohne Hass und Hetze erleben zu müssen. Dalbert würde sich mehr freie Entfaltung und mehr Sicherheit für alle wünschen. „Wenn es diese engen Geschlechternormen nicht gäbe, wenn man auf viele Arten sein könnte, gäbe es vielleicht nicht mehr Transmenschen, aber es gäbe viel mehr Leute, die auf vielfältigere Weise Männer oder Frauen wären. Ich glaube, dann gäbe es eine Entlastung für alle“, sagt Dalbert.

Kurz bevor m an jenem Apriltag von der Parkbank aufsteht, kommt Dalbert noch einmal auf Kleidung zu sprechen. Die eigene Jacke, die m entschieden hat zu tragen. Sie ist unanstößig, maximal unauffällig, schwarz eben. „Was aber, wenn sie pink wäre“, fragt m, „hätten wir uns dann auf dieser Parkbank so ungestört unterhalten können?“

Christoph Zempel