Nachruf

Klaus Hübner

Klaus Hübner war Gründungsmitglied des WEISSEN RINGS. Er war aber auch Arbeiter, Polizist, Gewerkschafter und Bundestagsabgeordneter. Nun ist er im Alter von 96 Jahren verstorben. Ein Nachruf.

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Foto: Matthias Haslauer

* 19. Juni 1924 | 30. Januar 2021

Klaus Hübners Leben war eines dieser Leben, vor dem man staunend steht angesichts dessen, was da alles in dieses Leben hineinpasste: Arbeiter, Polizist, Gewerkschafter, Bundestagsabgeordneter war er, Polizeipräsident der damaligen Westberliner Polizei und Gründungsmitglied des WEISSEN RINGS. Und Ehemann, das natürlich auch. 63 Jahre lang.

Ihr Mann, sagt Waltraud Hübner heute, sei immer ein sehr sozialer Mensch gewesen, der „für die Belange der anderen immer ein offenes Ohr hatte“. Hübner, 1924 in Berlin geboren, 1949 in den Polizeidienst eingetreten, entschied sich dann folgerichtig für die SPD, wurde der erste Geschäftsführer der Gewerkschaft der Polizei, wurde Bundestagsabgeordneter, dann – überraschend für viele – 1969 Polizeipräsident in Berlin. Keine ruhige Zeit, weder für das Land noch für die Stadt und damit auch nicht für Hübner. Die Studentenunruhen waren auf ihrem Höhepunkt, und dann kommt da einer wie Hübner und spricht, damals ein Novum, von Deeskalation – sagt einen Satz wie: „Eine Straßenschlacht, die die Polizei gewinnt, hat die Demokratie verloren.“

Als ihr Mann ihr vom WEISSEN RING erzählte, dieser damals komplett neuen Idee, sich um die Opfer von Verbrechen mehr zu kümmern, da, sagt sie, „war ich nicht gerade begeistert, er hatte ja schon so genug zu tun“. Klaus Hübner selbst hat dem WEISSEN RING erzählt, wie das 1976 war, als Eduard Zimmermann auf ihn zukam: „Eines Tages kam er und fragte, ob und wie man Verbrechensopfern
helfen könnte. So wurde die Idee vom WEISSEN RING geboren. Der Verein entstand aus dem Wollen, etwas für eine Gesellschaftsschicht zu tun, die wir als vernachlässigt empfanden.“ Die Gründungsphase habe damals von dem Bedürfnis vieler gelebt, anderen zu helfen.

Eine Idee, die Früchte trug

Ein Selbstzünder sei die Idee gewesen, so Klaus Hübner im Rückblick, aber auch ein „Selbstzünder muss immer Sauerstoff haben“. Den gab Hübner ihm in Berlin, wurde „Regionalbeauftragter“, was sich heute Landesvorsitzender nennt. Er schuf Raum für die erste Geschäftsstelle auf dem Berliner Polizeigelände und sah dann selber, wie der Verein, den er maßgeblich mitbegründet hatte, wuchs
und Früchte trug – auch in seiner Stadt. 1986 zum Beispiel, als es einen Bombenanschlag auf die Berliner Diskothek „La Belle“ gab, drei Menschen verstarben und über 100 zum Teil schwerst verletzt wurden. Noch in der Nacht seien die Helfer des WEISSEN RINGS ausgeschwärmt, hätten geholfen. Klaus Hübner erzählte auch diese Erinnerung: „Für die Ehefrau eines verletzten amerikanischen
Soldaten, bei dem absehbar war, dass er den Anschlag nicht überleben würde, haben wir den Flug aus den USA nach Deutschland bezahlt, damit sie ihren Ehemann noch einmal lebend sehen kann – was auch gelang.“

Hübner hatte, sagt seine Frau, eigentlich keine zeitaufwendigen Hobbys – Sport schon, Karate, Tennis oder Volleyball mit den Kollegen. Und gelesen habe er so ziemlich alles: „Was gedruckt war, wurde gelesen.“ Für mehr sei gar keine Zeit gewesen. 16 Jahre lang blieb Hübner im Amt des Polizeipräsidenten, dann bat er 1987 um seine Abwahl. Waltraud Hübner sagt heute, dass ihr Mann damals den WEISSEN RING mitbegründet habe, sei eine seiner besten Entscheidungen gewesen. „Und eine ziemliche Leistung.“ Wenn man heute sehe, zu was sich der WEISSE RING entwickelt hat, könne man erahnen, wie notwendig seine Gründung vor nun 45 Jahren gewesen sei.

Zuletzt kam Klaus Hübner in ein Berliner Krankenhaus. Als seine Frau den Schrank im Zimmer öffnete, sagte sie zu ihrem Mann: „Schau mal hier.“ Im Schrank hing eine Aufforderung, auf die eigenen Dinge zu achten und es Dieben nicht zu leicht zu machen. Ein Präventionstipp des Vereins, den Hübner mit aus dem Boden gestampft hat. „Das war das letzte Mal, dass er den WEISSEN RING gesehen hat“, sagt Waltraud Hübner heute. Klaus Hübner starb im Alter von 96 Jahren in Berlin.

Tobias Großekemper