Häusliche Gewalt

Die im Dunkeln sieht man nicht

Die Corona-Krise erhöht das Risiko von häuslicher Gewalt. Aber warum gibt es so unterschiedliche Zahlen? Ein Text über die Tücken der Statistik, journalistische Neugierde und eine anhaltende Gefahr.

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Foto: Mohssen Assanimoghaddam

Mit dem Lockdown kamen die Warnungen. Die Bundesfamilienministerin schlug Alarm, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, sogar der Papst. Auch der WEISSE RING meldete sich zu Wort: „Wir müssen leider mit dem Schlimmsten rechnen“, mahnte Jörg Ziercke, der Bundesvorsitzende des Vereins, im März. „Das Schlimmste“: Das wäre mehr Gewalt, viel mehr Gewalt in den Familien, weil sie durch die Corona-Krise gezwungen sind, zu Hause zu bleiben.

Grafik Schlagzeilen
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1. Zwölf lange Jahre

Frau A., 36 Jahre alt, wohnhaft in einer mittelgroßen Stadt in Hessen, bat den WEISSEN RING an einem Dienstag im Juni um Hilfe. Sie hätte sich auch an jedem anderen Tag melden können, in jedem anderen Monat, in jedem anderen ihrer zwölf Ehejahre. Oder auch erst im nächsten Jahr, wenn sie die Gewalt nicht zwölf, sondern dreizehn lange Jahre ausgehalten hätte.

Häusliche Gewalt, das ist ein Gegenstand, der plötzlich durch die Luft fliegt und sie trifft. Weil sie vor dem Spiegel sitzt und sich schminkt, die Lippen rot. Zu rot, wie ihr Verlobter findet: „Mach das weg!“, brüllt er. Welchen Gegenstand er bei diesem ersten Mal warf, das weiß Frau A. heute nicht mehr, es wurden einfach zu viele fliegende Gegenstände im Lauf der Jahre.

Häusliche Gewalt, das ist der auf ihrer Haut zerberstende Teller, der ihr den Arm aufschneidet. Das ist die Faust, die ihr die Nase blutig schlägt. Das sind die blauen
Flecken, die sie unter ihrer Kleidung versteckt.

Tage wie Novemberwetter

Häusliche Gewalt, das ist auch das Schweigen über die Taten, sogar jetzt noch in dem hübschen Café mit den leckeren Torten, wo die Leute Frau A. kennen und mögen. „War Ihr Mann auch Ihren Kindern gegenüber gewalttätig?“ Sie senkt den Blick und schweigt. Dann nickt sie. „Leider“, sagt sie leise, mehr nicht.

Häusliche Gewalt, das ist die Scham. Sie schämt sich, dass sie ihre Kinder nicht besser beschützen kann. Und sie schämt sich, als Frau zu versagen. Als der Gegenstand Richtung Schminkspiegel fliegt, läuft sie weg. Ihre Mutter schickt sie zurück. „Wenn du erst einmal verheiratet bist, wird es besser“, sagt sie. Frau A. stammt aus einem konservativen Umfeld, religiös, das Frauenbild traditionell. Nach der Hochzeit läuft sie wieder weg, diesmal heißt es: Du bist selbst schuld, du musst dir mehr Mühe geben, du bist keine gute Frau. Frau A. geht zurück zu ihrem Mann, sie will ja eine gute Frau sein.

„Ich ändere mich“, verspricht der Mann. Das Paar bekommt Kinder, vier werden es am Ende sein, der Mann ändert sich nicht. Frau A. kümmert sich um die Kinder und um den Haushalt, davor und danach und dazwischen arbeitet sie als Küchenhilfe, als Babysitter, als Putzkraft, „zehn Stunden jeden Tag“, sagt sie. Der Mann trifft Freundinnen, er arbeitet wenig.

Für Frau A. sind die Tage wie Novemberwetter: grau und kühl, immer wieder zieht Sturm auf.

Der Mann kontrolliert ihr Handy, ihre Telefonate, ihre Daten. Bis Frau A. sich nach zwölf langen Jahren Hilfe von außen holt. Opferschutzeinrichtung. Polizei. Frauenhaus. Gewaltschutzantrag. Dann zieht der Mann endlich aus. Er nimmt das Auto mit, sein letzter Kontrollversuch. Frau A. lässt sich aber nicht mehr kontrollieren. Sie geht mit den Kindern zu Fuß, sie fährt Fahrrad, sie nimmt den Bus. Der Säugling liegt im Krankenhaus, Frühgeburt, Intensivstation, jeden Tag läuft Frau A. durch die mittelgroße Stadt zur Klinik.

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2. Corona-Monate

Ein Blick in die Datenbank des WEISSEN RINGS, Corona-Monate, willkürlich herausgegriffene Fälle.

März 2020:

Frau K., 29 Jahre alt, eine Großstadt im Südosten Deutschlands. Ihr Freund bedroht sie, er bricht ihr die Nase, er spert sie ein.

Frau B., 30 Jahre alt, eine mittelgroße Stadt im Westen Deutschlands. Ihr Mann schlägt der schwangeren Frau in den Bauch, er boxt ihr ins Gesicht, er wirft sie aus dem Haus, die Kinder ebenfalls.

Frau H., 54 Jahre alt, eine Kleinstadt in der Mitte Deutschlands. Ihr Mann behält ihren Lohn ein, er bedroht sie, er verprügelt sie.

April 2020:

Frau L., 28 Jahre alt, ein Dorf im Südosten Deutschlands. Ihr Lebenspartner versucht sie zu vergewaltigen, er würgt sie, er schleift sie die Treppe runter und wirft sie raus.

Frau M., 45 Jahre alt, eine Stadt im Westen Deutschlands. Ihr Mann beschimpft sie, er schlägt ihr mit der Faust ins Gesicht, er zerkratzt ihr die Brust.

Frau N., 38 Jahre alt, eine Kleinstadt im Nordwesten Deutschlands. Ihr Mann bedroht sie, schubst sie, schlägt sie.

Mai 2020:

Frau S., 25 Jahre alt, eine Stadt im Nordosten Deutschlands. Ihr Mann wirft Gegenstände nach ihr, er würgt sie, er schlägt sie bewusstlos.

Herr H., 55 Jahre alt, eine Großstadt im Süden Deutschlands. Seine Freundin schlägt ihm mehrmals mit einer Glasflasche auf den Kopf.

Herr G., 30 Jahre alt, eine Kleinstadt im Nordosten Deutschlands. Sein Lebenspartner würgt ihn, er wirft ihn gegen die Wand und zu Boden, er beißt ihn in die Hand.

Im März 2020, als der Freund von Frau K. ihr die Nase bricht, leistet der WEISSE RING in 204 Fällen von häuslicher Gewalt materielle Hilfe. Materielle Hilfe bedeutet, dass der WEISSE RING Frau K. vielleicht eine Unterkunft finanziert oder die Flucht, Anwaltskosten trägt oder eine Erholungsmaßnahme bezahlt.

Statistisch nicht erfasst sind die Fälle, in denen die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des WEISSEN RINGS Gewaltopfer beraten, an andere Einrichtungen weitervermitteln oder ihnen einfach zuhören, manchmal stundenlang. Im April, als der Lebenspartner Frau L. die Treppe hinunterwirft, sind es 184 Fälle. Im Mai, als ihr Mann Frau S. bewusstlos schlägt, sind es 170 Fälle. Im Juni, als Frau A. sich meldet, sind es 191 Fälle.

„Man muss so nicht leben“

Wer wissen möchte, ob die Corona-Maßnahmen ein Treiber für Gewalt sind, hat ein Problem: Er ist auf Statistik angewiesen. Statistik kann langsam sein; Fälle werden oft erst mit Verzögerung eingepflegt. Statistik kann März sagen, aber Februar und Januar und das ganze Vorjahr meinen. Statistik kann lokal sein; eine kleinstädtische Hilfseinrichtung, eine mittelstädtische Klinik dokumentiert ihre eigenen Fälle.

Statistik kann selektiv sein; die Polizei verzeichnet nur angezeigte Fälle, nicht das Dunkelfeld. Statistik kann eine Momentaufnahme sein: Melden sich im April weniger Opfer, weil der Täter wegen der Kontaktbeschränkungen den ganzen Tag neben ihnen saß? Melden sich im Juni mehr Opfer, weil ihnen eine Fernseh- und Plakat-Kampagne wie „Schweigen macht schutzlos“ Mut machte? Weil ihnen Prominente wie die Rapperin Visa Vie im Mai sagten: „Man muss so nicht leben“?

Die Schlagzeilen zu mehr Gewalt, zu weniger Gewalt und zu konstanter Gewalt sind vermutlich alle gleichzeitig richtig. Weil sie sich auf eine selektive Quelle berufen, auf einen lokal eingegrenzten Bereich, auf einen bestimmten Zeitraum. Die Berliner Zeitung bezieht sich auf Zahlen der Gewaltschutzambulanz der Berliner Charité im Juni, die Bild-Zeitung auf Daten der niedersächsischen Polizei zwischen März und Mitte Mai, die Kreiszeitung Rotenburg auf eine Bilanz der örtlichen Außenstelle des WEISSEN RINGS vom April.

Journalismus sucht das Neue und Andere, das Unbekannte, das Ungehörte und Unerhörte. Eine Nachricht ist es, wenn Gewalt deutlich zunimmt oder abnimmt. Eine Nachricht kann auch sein, dass es keine Veränderung gibt, wenn Veränderung angekündigt war.

Keine Nachricht ist dieser Satz von Kristin Fischer: „Gewalt gegen Frauen und Kinder gab es auch schon vor der Pandemie.“

Die Polizei erfasst jährlich mehr als 140.000 Opfer von häuslicher Gewalt. - Foto: Hauke-Christian Dittrich
Die Polizei erfasst jährlich mehr als 140.000 Opfer von häuslicher Gewalt. – Foto: Hauke-Christian Dittrich
3. Die Sichtbarmachung

An einem Abend im September steht Fischer in einem Hotel am Berliner Spreebogen, vor ihr sitzen 20 Menschen an einer sehr, sehr langen Tafel, eigentlich bräuchte sie ein Mikrofon: Außenstellenleiter-Treffen des WEISSEN RINGS, Landesverband Berlin, in Corona-Zeiten. Fischer stellt sich vor, sie arbeitet für BIG, die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen, die Organisationen wollen sich austauschen.

Auch Kristin Fischer wird in diesen Tagen von Journalisten gefragt, wie es denn nun sei mit der häuslichen Gewalt: Gibt es mehr, weniger oder konstante Gewalt? Sie verweist dann auf die gestiegene Nachfrage bei der BIG-Hotline, in den ersten zwei Wochen nach den Lockerungen seien es 33 Prozent mehr Anrufe gewesen.

Sie sagt aber auch, dass es in den offiziellen Berliner Polizeistatistiken keine auffälligen Steigerungen gegeben habe. „Allerdings“, sagt sie, „bringt die Pandemie das Thema häusliche Gewalt ins öffentliche Interesse und Bewusstsein und rückt somit einen Teil des Dunkelfeldes ins Hellfeld.“ Anders ausgedrückt: Die journalistische Suche nach dem Neuen zeigt vielen Zeitungslesern und Fernsehzuschauern zunächst einmal das Alte. Was mittelfristig wiederum dazu führen könnte, dass sich mehr Opfer von häuslicher Gewalt Hilfe holen. Und somit zu steigenden Zahlen.

Frau K., der ihr Mann die Nase brach, sagt, er habe sie auch schon im Februar geschlagen. Vor den Corona-Maßnahmen. Immer wieder findet sich in den Opferberichten der Hinweis auf frühere Taten.

Tabelle häusliche Gewalt

Auffälligkeiten? Mit den Kontaktbeschränkungen ab Mitte März gingen im April und Mai die Fallzahlen insgesamt zurück. Das berichten auch die Außenstellen des WEISSEN RINGS; in jenen Wochen gab es weniger Opferkontakte. Mittlerweile steigen die Gesamtzahlen wieder. Der Anteil der Fälle häuslicher Gewalt an den Gesamtzahlen ist aber die ganze Zeit über relativ konstant geblieben. Seit jeher machen diese Fälle rund ein Fünftel der Opferfälle aus.

140.000 erfasste Opferfälle

Müsste das nicht also die eigentliche Nachricht sein? Ein Fünftel aller Kriminalitätsopfer, die Hilfe beim WEISSEN RING suchen, sind Opfer von Gewalt geworden, im eigenen Zuhause, in der eigenen Familie! Rund 200 Fälle jeden Monat – und das betrifft nur die materiellen Hilfen, nur beim WEISSEN RING.

Die Polizei erfasst jährlich mehr als 140.000 Opfer von häuslicher Gewalt. Das sind nur die angezeigten Fälle, das Dunkelfeld soll bei mindestens 80 Prozent liegen. Wenn das stimmt, dauert es nicht einmal vier Minuten, bis in Deutschland wieder einmal ein Mensch Opfer von häuslicher Gewalt wird. Meistens trifft die Gewalt Frauen, 82 Prozent der Opfer sind weiblich. Häusliche Gewalt kann bis zum Tod führen: Statistisch bringt jeden dritten Tag ein Mann seine (Ex-)Partnerin um.

Aber neu ist das nicht, diese Zahlen wiederholen sich seit Jahren.

Die Corona-Maßnahmen verschärfen Spannungen und führen zu psychischer Belastung. Foto: Assanimoghaddam
Die Corona-Maßnahmen verschärfen Spannungen und führen zu psychischer Belastung. Foto: Assanimoghaddam
4. Mehr als ein Gefühl

Herr Ziercke, waren Sie zu pessimistisch, als Sie im März mit dem Schlimmsten rechneten?

Diese Frage stellte ein Journalist im Juli 2020 dem Bundesvorsitzenden des WEISSEN RINGS. Der Journalist hatte kurz zuvor die jüngsten Zahlen der Polizei in Nordrhein-Westfalen bekommen: deutlicher Kriminalitätsrückgang insgesamt, weniger häusliche Gewalt.

Nein, antwortete Jörg Ziercke: „Häusliche Gewalt findet an jedem einzelnen Tag in Deutschland statt, nicht nur während der Corona-Krise. Wir gehen aber davon aus, dass es während der Corona-Einschränkungen vermehrt zu Fällen gekommen ist und auch noch kommt.“

Warum? Weil sich Spannungen in Gewalt entladen können. Und weil Spannungen entstehen, wenn Menschen auf engem Raum zusammensitzen. Wenn sie zusätzlich psychischen Belastungen ausgesetzt sind: Angst um ihre Gesundheit zum Beispiel, um ihren Arbeitsplatz, um ihre Zukunft. All das bringen die Corona-Maßnahmen mit sich.

Mehr Gewalt an Feiertagen

Opferhilfeorganisationen kennen das von Festtagen wie Weihnachten. An solchen Tagen, wenn Familien permanent zusammen sind, wenn die Harmonieerwartung sie stresst, wenn der Alltag gestört ist, kommt es vermehrt zu häuslicher Gewalt.

„Unsere Erfahrung zeigt aber auch, dass sich die Gewalttaten nicht schnell in sichtbaren Zahlen niederschlagen müssen“, sagte Jörg Ziercke. „Die Betroffenen melden sich nicht gleich nach der Tat und auch nicht auf einen Stichtag hin, etwa nach Ankündigung von Lockerungsmaßnahmen. Viele Betroffene leben jahrelang mit häuslicher Gewalt, bis sie sich Hilfe suchen. Es gibt Studien, nach denen eine von häuslicher Gewalt betroffene Frau sieben Anläufe benötigt, sich aus einer solchen Beziehung zu befreien.“


„Ein Problem ist die räumliche Nähe. Das Nicht-entweichen-Können.

Opferberater am Telefon

Von der Weihnachtsgewalt wissen die Opferhelfer nicht, weil sich bei ihnen am 27. Dezember so viele Betroffene melden. Sondern weil Opfer, wenn sie sich irgendwann Hilfe holen, häufig erst nach Jahren, dann so oft von ihren schlimmen Weihnachtsfesten sprechen. Es gab verschiedene Versuche, dennoch einen besseren Einblick in das aktuelle Corona-Geschehen zu bekommen.

Die Hotline-Statistik von Kristin Fischer. Zahlen aus der Gewaltschutzambulanz der Berliner Charité: mit dem Lockdown im März zunächst ein Rückgang um 24 Prozent, drei Monate später dann eine Steigerung um 30 Prozent, von 118 Fällen im Juni 2019 auf 152 Fälle im Juni 2020. Beobachtungen der französischen Hilfsorganisation France Victimes, die einen Anstieg von 19 Prozent meldet. Eine Untersuchung des amerikanischen Council of Criminal Justice, das für die USA täglich 1.330 mehr Anrufe wegen häuslicher Gewalt vermerkte – 3,4 Prozent mehr als sonst.

Studie TU München

In Deutschland hat die Technische Universität München die wohl aussagekräftigste Studie erstellt: Die Forscher haben zwischen dem 22. April und 8. Mai, also während des sogenannten Lockdowns, in einer repräsentativen Umfrage rund 3.800 Frauen befragt.

Das Ergebnis: Die Zahlen stiegen, wenn Corona stärkere Einschränkungen in das Familienleben gebracht hatte. Wenn sich die Befragten zu Hause in Quarantäne befanden, berichteten 7,5 Prozent der Frauen von Gewalt, bei Kurzarbeit oder Arbeitsplatzverlust wegen der Pandemie waren es 5,6 Prozent, bei akuten finanziellen Sorgen sogar 8,4 Prozent. Manchmal hilft es, objektiven Erkenntnissen subjektive Eindrücke gegenüberzustellen. So wie Saskia Etzold, Leiterin der Gewaltschutzambulanz der Berliner Charité, es tat, als sie bei der Vorstellung der Zahlen sagte: Auch das Ausmaß der Gewalt wird schlimmer.

„Alkohol“ – das Wort fällt häufig

Der WEISSE RING betreibt neben rund 400 Außenstellen ein bundesweites Opfer-Telefon und eine Onlineberatung. Telefon und Online sind schneller und unmittelbarer, die Zahlen dort könnten eher das aktuelle Geschehen abbilden als die materiellen Hilfen des Vereins. Beide Einrichtungen verzeichnen seit Monaten steigende Gesamtzahlen, auch schon vor Beginn der Corona-Krise. Der Anteil der Anrufe wegen häuslicher Gewalt stieg im April im Vergleich zu den beiden Vormonaten um 3,5 Prozentpunkte auf 21,8 Prozent, ging aber im Mai und Juni langsam und danach deutlicher wieder zurück. Signifikant sind die Veränderungen nicht.

Trotzdem antwortet mehr als jeder dritte Online-Berater und fast jeder vierte Telefon-Berater auf die Frage, ob die Anfragen zum Thema häusliche Gewalt seit März nach seinem Empfinden quantitativ zugenommen hätten:
„Ja, es erfolgten mehr Anrufe zu häuslicher Gewalt.“
„Ja, auf jeden Fall.“
„Ich hatte kaum mehr andere Fälle. Nach meinem Empfinden kam auf vier Fälle mit häuslicher Gewalt ein Fall mit einem anderen Thema.“

Und auf die qualitative Frage, ob sich die Fallschilderungen verändert hätten, antworteten Berater:
„In meinen Fällen wurde oft geäußert, dass sich das Problem durch Corona verschärft habe.“
„Ja. Mehr Klagen über kurzfristig auftretende Gewalt.“
„Es wurde geschildert, dass Gewalt oder erhöhter Alkoholkonsum nach einigen Jahren Ruhe plötzlich wieder da sind.“

Auch verstärkende Faktoren haben die Berater ausgemacht.
„Alkohol“ – das Wort fällt etliche Male.
„Es wurde von der Unausweichlichkeit der Situation berichtet. Ursache Homeoffice, Kinder ständig zu Hause, Kontaktbeschränkung.“
„Ein Problem ist die räumliche Nähe. Das Nichtentweichen-Können.“

Das, wovor gewarnt wurde zu Beginn des Lockdowns, ist also da hinter den verschlossenen Türen.

Vor Beginn des Lockdowns wurde vor einer Zunahme häuslicher Gewalt gewarnt. Foto: Hauke-Christian Dittrich
Vor Beginn des Lockdowns wurde vor einer Zunahme häuslicher Gewalt gewarnt. Foto: Hauke-Christian Dittrich
5. Tage wie Aprilwetter

„Alle kämpfen gegen Corona – und ich habe eigentlich ganz andere Probleme.“ In dem hübschen Café lacht Frau A. ein verlegenes Lächeln. Ihr Säugling ist jetzt zu Hause, ganz frisch, er braucht viel Aufmerksamkeit. Sie kämpft dafür, ihren ältesten Sohn wieder nach Hause zu holen; die Gewalt des Vaters hatte ihm schwer zugesetzt, er lebt zurzeit in einer Jugendhilfeeinrichtung. Sie möchte ihre Töchter zu starken Frauen erziehen, stärker als sie es so lange war. Sie will ihre Scheidung endlich vorantreiben. Sie würde gern beruflich noch einmal etwas Neues versuchen. Und neben all dem muss sie ihren Mann auf Distanz halten, wenn er die Kinder sehen darf; seiner Frau darf er sich nicht nähern, so lautet die Anordnung. In die Wohnung lässt sie ihn nicht, wenn er die Kinder treffen darf.

„Meine Tage sind wie Aprilwetter“, sagt Frau A. Mal scheint die Sonne, mal regnet es, sie weiß nie, was der Tag bringt. Aber sie weiß: Ich habe eine Familie, ich habe Freunde, um mich herum sind nette Leute, so wie hier im Café. „Sie wissen, dass es mir jetzt egal ist, was andere denken. Und dass sie mich so akzeptieren müssen, wie ich bin.“

Und wie ist sie jetzt? „Stärker“, sagt Frau A.: „Ich sage jetzt Nein.“

Berlin schlägt Alarm

An einem Mittwoch im Oktober, wenige Tage vor Beginn des zweiten Lockdowns, tritt in Berlin der Regierende Bürgermeister Michael Müller vor die Fernsehkamera und schlägt erneut Alarm. Er erklärt, warum man unbedingt versuchen müsse, Schulen und Kitas offenzuhalten, Sportangebote, Kultur.

Er warnt vor den sozialen Folgen des Lockdowns. „Um es klar zu benennen: Es sind Gewaltübergriffe gegen Frauen und Kinder in einer dramatischen Zahl nach oben gegangen.“ Eine Quelle nennt er in dem kurzen Fernsehausschnitt nicht. Auf Nachfrage verweist die Senatskanzlei auf die Zahlen vom Sommer aus der Gewaltschutzambulanz der Charité. Müller hat keinen Zweifel: Die Gewalt ist da.

Auch der WEISSE RING rechnet weiterhin mit dem Schlimmsten. Gewalt geschieht, jeden einzelnen Tag, alle paar Minuten. Aber manchmal dauert es eben zwölf endlose Jahre, bis sich die Gewalt in der Statistik zeigt.

Frau A. hält sich die Hand vor dem Mund, dahinter kichert sie wie ein junges Mädchen. Neulich, sagt sie, sei ihr Mann bei ihr vor dem Haus gewesen; die Tochter hatte Geburtstag. Er hielt sich nicht an die Abstandsregel, er packte seine Frau an der Schulter. „Lass das!“, rief Frau A., sie schlug seine Hand weg. „Dieses Gefühl“, sagt sie in dem hübschen Café und kichert wieder. „In seinen Augen habe ich sonst immer nur Wut gesehen. Jetzt war da zum ersten Mal: Angst.“

Sie strahlt. Die Sonnentage werden mehr.

Karsten Krogmann