Neunkirchen/Saar

„Fragen Sie doch mal den Herrn Zeck“

Im Saarland sind die Wege kurz. Ein Mann wie Jürgen Felix Zeck – einst Polizist, Dozent, Autor, Berater, jetzt Außenstellenleiter beim WEISSEN RING – kennt immer jemanden, der jemanden kennt und helfen kann.

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Foto: Karsten Krogmann

Als die Apothekerin an diesem Morgen im September 2020 die Ladentür aufschließt, tritt sie schnell wieder einen Schritt zurück: Ihr schlägt ein Gestank entgegen, wie sie ihn noch nie gerochen hat. „Wie Erbrochenes“, so beschreibt sie ihn später, „bestialisch“. Angewidert macht sich die 61-Jährige mit ihren Mitarbeitern auf die Suche nach der Quelle des Gestanks. Im Keller werden sie fündig: Durch einen Lichtschacht hat jemand Buttersäure in die Apotheke gekippt.

Apotheken sind saubere Orte, so sollte auch ihr Geruch sein: rein, gesund, fast ein bisschen steril. Der Gestank muss also verschwinden. Bloß wie? Die Apothekerin recherchiert im Internet. Sie meldet den Buttersäureanschlag der Polizei. Sie ruft alle Behörden an, die „Umwelt“ oder „Chemie“ im Namen tragen. Wie sie den Buttersäuregestank wieder loswird, erfährt sie nicht. Bis ihr irgendwann jemand rät: „Fragen Sie doch mal den Herrn Zeck.“

Der Herr Zeck wartet am Stummdenkmal, das steht vor der Stummstraße auf dem Stummplatz im Zentrum von Neunkirchen, Saar. Er trägt Mantel und Mütze gegen die Kälte, unter der Mütze lugt sein Zopf hervor, im Gesicht setzt ein freundliches Lächeln seinen eindrucksvollen Schnurrbart in Bewegung. Jürgen Felix Zeck, 71 Jahre alt, steht nicht zufällig beim alten Freiherrn von Stumm, ehedem Politiker und Montanindustrieller. Erstens ist das Denkmal für stadtfremde Besucher leicht zu finden, zweitens kann Zeck hier ein bisschen Stadt- und Saargeschichte an den Mann bringen: Neunkirchen, mit kaum 48.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt des Saarlands, ist eine ehemalige Montanstadt. „Mit der Hütte groß geworden, mit der Hütte gestorben“, so sagt es Zeck. Hinter dem Stummdenkmal ragt das Gerippe der Eisenhütte auf, geschlossen 1982.

Eine Stadt im Wandel

Zecks Großvater war Bergmann, der Enkel ging einen anderen Weg, zum Glück, die letzte Kohlengrube schloss 1968: Jürgen Felix Zeck wurde Polizist. Zecks eindrucksvoller Schnurrbart setzt sich fröhlich in Bewegung: „Ich habe Ihnen etwas mitgebracht“, verkündet er, „ein Saarländisches Bergmannsfrühstück.“ Früher aß man das in der Bergmannskneipe, sagt Zeck, am Stummplatz gab es jede Menge davon, aber mit den Bergleuten sind auch die Bergmannskneipen verschwunden.

Die Stadt hat sich verändert. Nach der Eisenhütte kam ein Einkaufszentrum: Das riesige Saarpark-Center steht am Rande des Stummplatzes, Ende der 80er-Jahre war es eine Attraktion. Aber Einkaufszentren haben es schwer in diesen Zeiten, wegen des Online-Handels, wegen Corona. Menschen sind weggezogen aus Neunkirchen, andere gekommen. Geblieben ist die Kriminalität, die braucht nämlich keine Orte, sondern Menschen, und für die Kriminalitätsopfer, die ebenfalls bleiben, braucht man Opferhelfer.

Der WEISSE RING blieb in Neunkirchen, und Jürgen Felix Zeck, seit elf Jahren Mitarbeiter, hält nun häufiger Vorträge für muslimische Frauen, sein Thema: „Häusliche Gewalt bei Migranten“.

„Man kennt sich hier“

Die Apotheke mit dem Buttersäureanschlag liegt nicht weit entfernt vom Stummplatz. Eigentlich liegt nichts weit entfernt in Neunkirchen, im ganzen Saarland nicht, „man kennt sich hier“, sagt Zeck. Er lächelt, er erinnert sich an einen Vortrag in Berlin, wo er beiläufig berichtete, wie der zuständige Minister ein Problem löste, das Zeck ihm angetragen hatte. „Wie, du hast direkten Zugang zum Minister?“, staunten die Berliner. „Das ist das Saarland“, antwortete Zeck, „man kennt sich.“

„Du, ich brauche da jemanden“, so sprach der Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS, Gerhard Müllenbach, 2012 den Herrn Zeck an. Seitdem ist Zeck stellvertretender Landesvorsitzender.

Eine andere Geschichte: Ein Schausteller stand vor Gericht, die Sache war nicht allzu schlimm, die Richterin verzichtete auf eine Strafe. Stattdessen verpflichtete sie den Schausteller, sein Karussell einen Tag lang kostenlos für Kinder aufzubauen. Die Frage war bloß: Wo bekommen wir die Kinder her, wer kümmert sich um den kostenlosen Karusselltag? Man fragte den Herrn Zeck. Der sprach Schulen für seh- und hörgeschädigte Kinder an, die Begeisterung war groß. Am letzten Schultag vor den Ferien fuhren 200 jauchzende Kinder, die sonst selten Gelegenheit dazu haben, Karussell. Und am Abend schlug der Schausteller dem WEISSEN RING vor, so etwas doch jährlich zu organisieren.

Spitzname „Umweltpapst“

„Herr Zeck, Herr Zeck … den kenn ich doch von einem Vortrag“, sagt die Apothekerin, als man ihr den Namen nennt. Als sie dann mit Zeck spricht und vom Buttersäuregestank berichtet, sagt er: „Warten Sie mal, ich kenne da jemanden.“ Er setzt sich ans Telefon.

41 Jahre lang war Jürgen Felix Zeck bei der Kriminalpolizei. Zunächst war er für Todesermittlungssachen zuständig, für Brände, Explosionen, Sexualdelikte. Anfang der 80er-Jahre kam dann das Thema Umweltkriminalität auf. „Da kannte sich keiner aus“, sagt Zeck. Auch er kannte sich nicht aus, aber er las sich ein, tiefer und tiefer. Er kümmerte sich um das Fischsterben in Prims und Saar, um illegale Abfallentsorgung in der Altölverbrennungsanlage, er bekam den Spitznamen „Umweltpapst“, wurde in Ausschüsse geladen und zu internationalen Tagungen.

Als wäre das nicht genug, lehrte er an der Polizeischule und an der Fachhochschule, schrieb Zeitschriftenartikel und Fachbücher, beriet die Politik zum Thema Opferschutz.

„Niemand ist allein“

Nach seiner Zeit bei der Polizei lässt ihn der Opferschutz nicht los: Er engagiert sich beim WEISSEN RING. Rund 70 Opferfälle bearbeitet die Außenstelle jährlich, lange mit 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, aktuell sind es sieben. Darüber hinaus organisiert der Außenstellenleiter nicht nur Karussellfahrten – er hält Vorträge, sitzt in Arbeitskreisen und an Runden Tischen, macht Öffentlichkeitsarbeit. Der Saarländische Rundfunk möchte ein Interview führen zum Thema „Häusliche Gewalt“? Zeck fährt ins Studio und ist um 19 Uhr live auf Sendung. Die Tageszeitung braucht einen Artikel zum gleichen Thema? Zeck setzt sich an den Computer und schreibt einen Text, den die Zeitung unverändert abdruckt. Eine Frau ruft ihn an; sie hatte einen Verkehrsunfall und gerät dadurch in finanzielle Nöte? Der WEISSE RING könne nicht helfen, bedauert Zeck, „aber warten Sie mal, ich rufe mal ein paar Leute an“. Im Grunde, so Zeck, sei das hier eigentlich ein Vollzeitjob, aber seine Frau mache das zum Glück mit.

Was Zeck wichtig ist: Opfer ist nicht gleich Opfer. Oft werden Menschen ganz anders zum Opfer, als man sich das gemeinhin so vorstellt. Aber helfen muss man immer. Natronlauge! Das ist die Lösung! Zeck hat es herausgefunden in seinen Telefonaten. Natronlauge kann Buttersäure neutralisieren. Tatsächlich gelingt es der Apothekerin mit einem Handwerksteam und einigem finanziellen Aufwand, den Gestank endlich loszuwerden.

„Wer glaubt, er ist allein, der irrt“, sagt Zeck. „Der WEISSE RING ist da, wenn man ihn braucht.“ Das saarländische Bergmannsfrühstück, Jürgen Felix Zeck überreicht eine hübsche Frischhaltetasche: Lyoner, Weck, Bier. „Den ganzen Tag unterwegs … Sie haben doch bestimmt Hunger, oder?“ Die Bergmannskneipen mögen verschwunden sein, aber Zeck kennt einen guten Fleischer und einen guten Bäcker. „Mit dem Bier war es schwieriger“, sagt er, die örtlichen Brauereien seien ja fast alle weg, aber Karlsberg, das gehe immer. „Guten Appetit“, wünscht er zum Abschied, die Freude lässt seinen Schnurrbart beben.

Lecker wars.

Karsten Krogmann