#hassmachtstumm

Flucht aus dem Netz

Politiker ziehen ihre Kandidatur zurück. Sportler lösen ihre Verträge auf. Ehrenamtliche deaktivieren ihre Social-Media-Kanäle. Hass und Hetze im Netz bringen Menschen zum Verstummen. Unsere Aussteigerliste dokumentiert, welche verheerenden Auswirkungen die Verrohung der Gesellschaft hat.

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Foto: Christian J. Ahlers/ WEISSER RING

Manche Menschen glauben, die im Grundgesetz garantierte Meinungsfreiheit erlaube es ihnen, Hass und Hetze im Internet zu verbreiten. Das Gegenteil ist der Fall: Hass und Hetze gefährden die Meinungsfreiheit. Denn Hass und Hetze bringen andere Menschen zum Verstummen. Hass und Hetze unterdrücken Meinung.

Eine Studie des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) belegt diesen Einschüchterungseffekt. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, sich wegen Hassrede im Internet seltener zu ihrer politischen Meinung zu bekennen. 15 Prozent der Befragten – und bei den unter 24-Jährigen sogar ein Viertel – hat wegen Hassrede das Profil bei einem Online-Dienst ganz deaktiviert oder gelöscht. „Silencing“ nennen die Forscher das, zu Deutsch: verstummen. Die IDZ-Studie warnt vor einer Wahrnehmungsverschiebung der gesellschaftlichen Realität, die dadurch entstehe: „Wenn die Hater*innen in Kommentarspalten dominieren, entsteht der Anschein, sie seien auch gesellschaftlich in der Mehrheit.“

Wir haben gesammelt, wer in den vergangenen Wochen seinen Rückzug aus der digitalen oder analogen Öffentlichkeit verkündet hat oder wessen Leben durch Hass im Netz real beeinträchtigt wird. Als Quellen dienten dabei Medienberichte sowie Aussagen der Betroffenen auf ihren Social-Media-Kanälen. Wir wollen nicht hinnehmen, dass die Opfer von Hass und Hetze einfach unsichtbar werden. Deshalb sammeln wir auch weiter. Schicken Sie uns Hinweise auf Ihnen bekannte Fälle von Links oder Rechts gern mit Quellenangabe an
redaktion@weisser-ring.de.
Die Liste wird permanent fortgeführt: www.forum-opferhilfe.de

#hassmachtstumm

Tareq Alaows

Tareq Alaows ist vor sechs Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen. Im Februar kündigte der Jurist an, für die Grünen in den Bundestag ziehen zu wollen. Ende März zog er die Kandidatur zurück, weil er rassistisch angefeindet und seine Familie in Syrien bedroht wurde. Mit Anfeindungen habe er gerechnet, aber „nicht mit dem Ausmaß“.
(Quelle: „Zeit“)

Seda Basay-Yildiz

Seda Basay-Yildiz ist Rechtsanwältin in Frankfurt. Weil sie im NSU-Prozess eine Opferfamilie vertrat, erhielt sie Drohungen vom sogenannten „NSU 2.0″. Aufgrund der Bedrohungslage stehen die Juristin und ihre Familie unter Polizeischutz, die Sicherheitsvorkehrungen an ihrer Wohnung wurden zudem verschärft.
(Quelle: taz.de)

Guido Burgstaller

Guido Burgstaller ist Stürmer beim FC St. Pauli. Der frühere österreichische Nationalspieler macht mittlerweile einen Bogen um Facebook, Instagram und Foren, um sich „dem Hass im Netz nicht aussetzen“ zu müssen, sagte er.
(Quelle: „Der Standard“)

Frank Buschmann

Frank Buschmann ist Sport-Moderator. Weil seiner Aussage nach „Hass, Ignoranz, Beleidigungen“ auf Facebook zur Belastung für ihn geworden sind, hat er im Februar 2021 nach mehr als zehn Jahren seine Aktivitäten auf seinem Kanal mit mehr als 450.000 Fans eingestellt.
(Quelle: Facebook)

Christine

Christine war Darstellerin in dem RTL2-Format „Hartz und herzlich – Tag für Tag Benz-Baracken“. Wegen Hasspostings im Netz brach sie die Dreharbeiten ab: Sie müsse sich und ihre Kinder schützen, sagte sie.
(Quelle: TAG24.de)

Daniel Didavi

Daniel Didavi ist Fußballprofi beim VfB Stuttgart. Vor Hasskommentaren im Netz schützt er sich auf seine eigene Weise: Er löschte seinen Instagram-Account und liest jetzt lieber Bücher.
(Quelle: otz.de)

Dilara

Dilara ist die Freundin des Fußball-Profis Max Kruse. Nachdem sie von einem enttäuschten Fan auf Instagram beleidigt wurde, zog sie sich mit ihrem Profil aus der Öffentlichkeit zurück.
(Quelle: welt.de)

Jan Gyamerah & Sonny Kittel

Jan Gyamerah und Sonny Kittel sind Fußballer beim Hamburger SV. Sie haben ihre Instagram-Kanäle gelöscht, um sich nicht länger anonymer Hetze aussetzen zu müssen. Gyamerah sagte, er fühle sich nun „leichter und freier“.
(Quelle: 24hamburg.de)

Christian Gunsenheimer

Christian Gunsenheimer war Gemeinderat in Weitramsdorf im Kreis Coburg. Nach Drohungen gegen seine Person hat er das Amt niedergelegt.
(Quelle: „Neue Presse“)

Sarah-Lee Heinrich

Sarah-Lee Heinrich ist Bundessprecherin der Grünen Jugend in Deutschland. Nach ihrer Wahl im Oktober wurde die 20-Jährige im Netz wegen alter Tweets angefeindet und sogar mit dem Tode bedroht, wie das Büro der Grünen Jugend mitteilte. Die Konsequenz: „Zu ihrer eigenen Sicherheit“ zog sich Heinrich zeitweise aus der Öffentlichkeit zurück.
(Quelle: spiegel.de)

Frank Hix

Frank Hix ist seit 2009 Bürgermeister im nordhessischen Kurort Bad Sooden-Allendorf. Im Netz werden er und seine Familie massiv angefeindet, sagte der Politiker. Das hat Auswirkungen: Menschen, die er nicht gut kennt, erzählt er nichts Privates mehr. Auch persönliche Fotos postet er nicht länger. Und: Er versucht, kontroverse Aussagen in den sozialen Netzwerken zu meiden – um einem Shitstorm vorzubeugen.
(Quelle: welt.de)

Nora Imlau

Nora Imlau ist Journalistin und „Spiegel“-Bestseller-Autorin. Auf Twitter zeigte sie sich jahrelang solidarisch mit Transmenschen und wurde dafür angefeindet. Im Juni verkündete sie in einem Tweet ihren Abschied von der Plattform, weil ihr „der Hass, die Verleumdungen und die organisierte Hetze“ zu viel geworden sei.
(Quelle: br.de)

Alexander Jobst

Alexander Jobst war Marketingvorstand beim Fußball-Zweitligisten Schalke 04. Nach anonymen Anfeindungen und Drohungen gegen sich und seine Familie legte der Manager seinen Posten im Sommer vorzeitig nieder. Eigentlich lief sein Vertrag nach Vereinsangaben bis 2024.
(Quelle: kicker.de)

Daniela Katzenberger

Daniela Katzenberger ist durch die Serie „Goodbye Deutschland“ bekannt geworden und zeigt sich oft freizügig im Internet. Dafür bekommt sie nach eigener Aussage neben Lob auch viele Hasskommentare. Bei Instagram hat die Reality-Show-Darstellerin deshalb die Kommentarfunktion ausgeschaltet. Das sei für sie „die beste Funktion“ der Plattform, teilte sie ihren Fans in einer Instagram-Story mit.
(Quelle: tz.de)

Niklas Kienitz

Niklas Kienitz war Dezernent für Stadtentwicklung und Wirtschaft in Köln. Weil es nach seiner Wahl massive persönliche Anfeindungen und Drohungen gegen seine Person gab, trat Kienitz bereits nach wenigen Wochen wieder von seinem Amt zurück. (Quelle: „Kölnische Rundschau“)

Franz Korb

Franz Korb ist Stadtverordnetenvorsteher im hessischen Lampertheim. Wegen des „immer aggressiver werdenden“ Hasses im Netz hat sich der CDU-Politiker wieder aus den sozialen Medien abgemeldet.
(Quelle: echo-online.de)

Christian Kröne

Christian Kröne ist Hausarzt in Neu-Ulm. Seit er Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren gegen COVID-19 impft, wird er im Internet mit Hass überschüttet. Er hat zwar keine Angst, muss jedoch zeitweise von der Polizei geschützt werden. Einem Hausarzt aus dem niedersächsischen Wallenhorst ergeht es ähnlich: Nachdem der Mediziner bekanntgegeben hatte, keine Corona-Impfgegner mehr behandeln zu wollen, musste er laut spiegel.de wegen zahlreicher Drohungen unter Polizeischutz gestellt werden.
(Quellen: swr.de/ noz.de)

Doris Maria Krünägel-Schropp

Doris Maria Krünägel-Schropp ist Apothekerin in Berlin. Weil sie sich gegen den Protest angeblicher besorgter Eltern wehrte, veranstalteten Querdenker eine Demo vor ihrer Apotheke. Krünägel-Schropp musste deshalb aus Sicherheitsgründen zeitweise schließen.
(Quelle: apotheke-adhoc.de)

Silvia Kugelmann

Silvia Kugelmann war ehrenamtliche Bürgermeisterin im schwäbischen Kutzenhausen. Wegen zahlreicher Hasskommentare und Morddrohungen kehrte sie der Politik jedoch den Rücken.
(Quelle: br.de)

Jasmina Kuhnke

Jasmina Kuhnke ist Comedyautorin. Sie wird von rechten Angreifern bedroht und auch ihre Privatadresse wurde im Internet veröffentlicht. Die Bedrohung durch Hass und Hetze im Netz wurde so groß, dass Kuhnke und ihre Familie umziehen mussten.
(Quelle: spiegel.de)

Mara Laue

Mara Laue ist Berufsschriftstellerin. Bei einer Diskussion auf Facebook wurde sie verbal so grob angegangen, dass sie Angriffe im analogen Leben befürchtete. Weil Hass und Hetze „immer mehr zunehmen“ und „der allgemeine Ton immer schlimmer“ wird, wie sie gegenüber unserer Redaktion sagte, hat sie bereits vor rund drei Jahren ihren Account gelöscht.

Karl Lauterbach

Karl Lauterbach ist Gesundheitsexperte der SPD. Wegen seiner Äußerungen zur Corona-Politik wird er seit dem vergangenen Jahr massiv angefeindet und bedroht. Obwohl seine Kölner Privatadresse im Melderegister gesperrt ist, wurde sie im Netz veröffentlicht. Protestierende haben Gegenstände und Farbbeutel gegen sein Auto und Wohnhaus geworfen, die Fassade musste renoviert werden. Ohne Personenschützer kann er kaum noch etwas unternehmen. „Spontan geht fast nichts mehr“, sagte Lauterbach.
(Quelle: spiegel.de)

Igor Levit

Igor Levit ist ein jüdischer Pianist, der während der Pandemie durch Hauskonzerte auf Twitter viele Fans gewonnen hat. Seine Äußerungen zu Themen wie Klimaschutz, AfD oder Antisemitismus machten ihn aber auch zur Zielscheibe von Hass, der nach seiner Aussage so „unerträglich geworden“ ist, dass er zeitweise eine Pause auf Twitter einlegte. 
(Quelle: haz.de)

Erik Lierenfeld

Erik Lierenfeld ist Bürgermeister von Dormagen. Er war zur Zielscheibe geworden, nachdem er Schüler aufgefordert hatte, geplante Aktionen der „Initiative Querdenken“ an ihren Schulen zu melden. Heute vermeidet er „gewisse Wege“ oder fährt Strecken lieber im Auto, die er sonst zu Fuß gegangen ist, sagte Erik Lierenfeld.
(Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger)  

Erzieher Martin*

Martin (Name geändert) ist Erzieher in Koblenz. Weil er im Netz bezichtigt wurde, ein muslimisches Kind missbraucht zu haben, musste seine KiTa zweitweise schließen und Martin in ein anderes Bundesland fliehen. Seitdem leidet er unter massiven psychischen Problemen, ist arbeitsunfähig. Später stellen sich die Vorwürfe als falsch heraus. Trotzdem: „Der Hass im Internet hat mein Leben zerstört“, sagte Martin.
(Quelle: swr.de)

„Mitreden“

„Mitreden“ ist ein Tiktok-Kanal, auf dem drei Frauen über Gleichstellung, LGBT-Themen und Alltagsdiskriminierung aufklären. Bereits kurz nach dem Start traf die drei Moderatorinnen eine Welle des Hasses, es gab sogar Morddrohungen. Zwei Macherinnen haben deshalb das Handtuch geworfen.
(Quelle: rnd.de)

Ivan Petrakov

Ivan Petrakov ist Eishockey-Spieler. Sportlich lief die Saison seiner Krefeld Pinguine in der Deutschen Eishockey-Liga enttäuschend. Fans machten im Netz ihrem Ärger Luft. Für den Profi wurde dabei eine „Grenze des Zumutbaren“ überschritten, wie der Verein mitteilte. Er löste seinen Vertrag Anfang April vorzeitig auf.
(Quelle: rp-online.de)

Thomas Reich

Thomas Reich ist Bürgerschaftsabgeordneter in Hamburg. Nach vielen Drohungen im Netz hat der AfD-Politiker seine Aktivitäten in sozialen Netzwerken aufgrund der negativen Erfahrungen eingeschränkt. Er sagt: „Es gibt keine rote Linie mehr“.
(Quelle: ndr.de)

Raquel Rempp

Raquel Rempp ist seit Jahren in der Flüchtlingshilfe in Schwetzingen aktiv. Das finden nicht alle gut: Immer wieder erhält sie anonyme Anrufe. Ihren Facebook-Account hat sie aufgrund der vielen Hasskommentare gelöscht.
(Quelle: „Rhein-Neckar-Zeitung“)

Annika Schleu

Annika Schleu ist Athletin im Modernen Fünfkampf. Nach einem umstrittenen Auftritt bei den Olympischen Spielen ist die Sportlerin massiv im Internet kritisiert worden. Obwohl sie ihren Instagram-Account deaktivierte, musste sie nach eigener Aussage weiter beleidigende Nachrichten hinnehmen.
(Quelle: br.de)

Dario Schramm

Dario Schramm ist Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz. Als er und andere Schülervertreter
im April eine Corona-Testpflicht an Schulen forderten, erhielten sie Hassbotschaften – auch Minderjährige. Nachdem private Kontaktdaten von Dario Schramm in einer Querdenker-Gruppe veröffentlicht wurden, war er nach eigener Aussage „tagelang arbeitsunfähig“.
(Quelle: salzgitter-zeitung.de)

Jakob Springfeld

Jakob Springfeld ist Gründer einer Fridays-for-Future-Ortsgruppe in Zwickau. Seitdem wird er im Netz von Rechtsextremen bedroht und lebt nach eigener Aussage in ständiger Angst vor rechter Gewalt.
(Quelle: ze.tt)

Lisa Straube

Lisa Straube ist Tischtennis-Spielerin in Dortmund. Nachdem in Medien spekuliert wurde, Straube sei die neue Freundin des deutschen Fußball-Nationalspielers Mats Hummels, erhielt sie laut Focus zahlreiche Hasskommentare und stellte ihr Instagram-Profil zwischenzeitlich auf „privat“, so dass es nicht mehr öffentlich einsehbar ist.
(Quelle: bunte.de)

Stefanie von Berg

Dr. Stefanie von Berg ist Bezirksamtsleiterin in Altona. Im Jahr 2016 erlebte sie laut NDR einen Shit-Storm, bei dem sie sexuell bedroht wurde und in dessen Folge sie um ihr Leben fürchtete. Allein das Geräusch „Ping“, wenn eine neue Nachricht auf dem Handy ankam, hat lange Zeit sofort Angst bei ihr ausgelöst, sagte sie. Sie suchte sich deshalb psychotherapeutische Hilfe.
(Quelle: ndr.de)

Eva Weber

Eva Weber ist Oberbürgermeisterin in Augsburg. Wegen „Beleidigungen und einer unguten Debattenkultur“ hat sich die CSU-Politikerin bei Facebook zurückgezogen. „Ich habe manchmal das Gefühl, dass Leute, die vor dem Computer oder dem Handy sitzen und Kommentare schreiben, gar nicht auf  dem Schirm haben, dass auf der anderen Seite auch ein Mensch sitzt, der solche Sachen liest“, sagte sie. 
(Quelle: „Augsburger Allgemeine Zeitung“)

Alexia Weise

Alexia Weise ist Journalistin bei der Wiener Zeitung. Die Jüdin warnt vor Hass im Netz. Sie selbst habe sich fast vollständig bei Facebook zurückgezogen, „weil man gar nicht weiß, wo man anfangen soll, dagegen zu halten und dagegen zu argumentieren“.
(Quelle: domradio.de)

Michael Werner-Boelz

Michael Werner-Boelz ist Bezirksamtsleiter von Hamburg-Nord. Nachdem er sich angeblich für ein Verbot von Einfamilienhäusern aussprach, erhielt der Grünen-Politiker Drohungen im Netz. Seither äußert er sich nicht mehr öffentlich in sozialen Netzwerken und stellte seinen Facebook-Account auf „privat“ um, „so dass ich jetzt von so was verschont bleibe“.
(Quelle: ndr.de)  

Arnd Zeigler

Arnd Zeigler ist Stadionsprecher von Werder Bremen sowie TV- und Radiomoderator. Noch während des Bundesliga-Fußballspiels von Werder gegen Augsburg wurde er im Netz bedroht, belästigt und beleidigt. Zeigler machte die Attacken selbst öffentlich und entschloss sich zum Rückzug auf Facebook.
(Quelle: spiegel.de)

Joshua Zirkzee

Joshua Zirkzee ist Fußballprofi beim FC Bayern München. Nach einer vergebenen Chance im Testspiel gegen Ajax Amsterdam im Juli ist er in den sozialen Medien heftig kritisiert worden. Kurz darauf löschte der Spieler sämtliche Bilder von seinem Instagram-Kanal.
(Quelle: Eurosport)

Christian J. Ahlers

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