Interview

„Finden Sie mal einen Psychotherapeuten, der Hausbesuche macht!“

Karl-Günther Theobald, Psychologe beim WEISSEN RING, hat seit vielen Jahren mit dem Thema sexueller Missbrauch von Kindern zu tun. Im Interview spricht er über die Folgen für die Opfer.

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Foto: WEISSER RING
Herr Theobald, sexueller Missbrauch – was ist das eigentlich? Was verstehen Sie darunter?

Im Prinzip geht es darum, dass jemand eigene sexuelle Bedürfnisse an Menschen stillt, die entweder noch kein Bewusstsein für ihre Sexualität haben oder über ihre Sexualität nicht frei entscheiden können. Sexueller Missbrauch passiert dort, wo wir ein Verhältnis zwischen Täter und Opfer haben. Und in der Regel auch eine hierarchische Beziehung. Deswegen geschieht sexueller Missbrauch am häufigsten in der Familie. Und am zweithäufigsten in Organisationen und Institutionen: zum Beispiel in der Kirche, im Sportverein, bei der Jugendfreizeit der Feuerwehr. Die meisten Täter sind Männer, wobei es bei Frauen als Täterinnen vermutlich eine größere Dunkelziffer gibt. Neben der großen Dunkelziffer, die wir bei Missbrauch ohnehin haben, gibt es also noch eine zweite.


„Macht doch bitte die Bewilligung von Leistungen nicht von der Tat abhängig, sondern von den Folgen für die Betroffenen!“

Karl-Günther Theobald

Bemerkung, Berührung, Vergewaltigung: Ab wann haben wir es mit sexuellem Missbrauch zu tun?

Ich denke, zumindest der Täter kann Zeugnis ablegen, ob es Missbrauch ist oder nicht. Normiert haben wir Missbrauch im Strafgesetzbuch, Paragraf 176. Ein interessanter Hinweis findet sich auch im Sozialrecht: Um Anspruch zu haben, einen Antrag nach dem Opferentschädigungsgesetz zu stellen, brauche ich immer eine physische Tat – außer beim sexuellen Kindesmissbrauch. Das Kind gilt auch schon als Opfer, wenn es nicht persönlich angefasst wurde. Denken Sie nur an Kinderpornografie, das Internet ist voll davon. Die Fälle, die uns hier beim WEISSEN RING oft und sehr lange beschäftigen, sind die, in denen Betroffene a) als Kinder sehr früh missbraucht worden sind, in der Regel vor dem sechsten Lebensjahr, b) über einen längeren Zeitraum, c) von mehreren Tätern oder in organisierten Strukturen und häufig auch noch d) mit schwersten körperlichen Folgen.

Ist es überhaupt zulässig, zwischen schlimmeren oder weniger schlimmen Fällen von sexuellem Missbrauch zu unterscheiden? Liegt die Gewichtung nicht allein im Erleben des Opfers?

Ich würde schon sagen, dass es eine unterschiedliche Schwere des Missbrauchs gibt, die objektivierbar ist. Aber umgekehrt kann es durchaus passieren, dass eine Person, die einen einzigen Übergriff ohne körperliche Gewalt erlebt hat, trotzdem schwere Folgen davonträgt. Deshalb sage ich ja immer: Macht doch bitte die Bewilligung von Leistungen nicht von der Tat abhängig, sondern von den Folgen für den Betroffenen! Die Folgen haben nur relativ mit der Tat zu tun. Wenn jemand leidet, braucht er Hilfe, Punkt. Trotzdem kann ich sagen: Statistisch haben die ganz massiven Missbräuche über längere Zeit in der Regel stärkere Folgen.


„Kindliche Missbrauchsopfer fallen ganz oft dadurch auf, dass sie sich völlig unangemessen sexualisiert verhalten.“

Karl-Günther Theobald

Was sind das für Folgen?

Bei sexuellem Kindesmissbrauch haben wir es mit Opfern zu tun, die abhängig sind vom Täter. Je jünger, desto existenzieller: Bei kleinen Kindern hängt das Überleben vom Täter ab. Das Kind will überleben, das heißt, es muss einen Rahmen für dieses Geschehen finden. Kindliche Missbrauchsopfer fallen ganz oft dadurch auf, dass sie sich völlig unangemessen sexualisiert verhalten. Das heißt, die haben das für sich für normal erklärt. Indem sie sich sexualisiert verhalten, sind sie bevorzugt Opfer nächster Sexualdelikte. Ein kleines Kind hat keinen Begriff von dem, was ihm passiert. Es hat keinen Begriff davon, dass das nicht normal ist, und es hat keinen Begriff, dass das Unrecht ist. Das heißt, es hat nur ein Erleben: Das kann nicht richtig sein, das tut weh, ich muss mich schützen. Diese Kinder sind oft hochgradig darauf angewiesen, das abzuspalten, was sie nicht erklären und erfragen können. Das ist das sogenannte Dissoziieren. Erlebensanteile abspalten. Und wenn das in jungen Jahren ganz massiv passiert, ist das die Basis für die dissoziative Identitätsstörung oder auch multiple Persönlichkeit. Das ist eine Störung, mit der haben Leute oft lebenslang zu tun.

Welche Rolle spielt das Verdrängen des Erlebten?

Verdrängen ist ein bisschen wie ein Schimpfwort, aber eigentlich ist es eine Fertigkeit. Aber oft funktioniert Verdrängen oder Verpacken nicht dauerhaft. Zum Beispiel erleben wir hier immer wieder, dass Mütter zusammenbrechen, wenn ihre Tochter in das Alter kommt, in dem sie missbraucht wurden damals. Wir erlebten das auch 2010, als der Missbrauchsskandal in Institutionen hochkam…

… ausgelöst durch den berühmten Brief von Pater Klaus Mertes, der den Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg öffentlich machte …

…genau. Da wurden Leute massiv retraumatisiert. Alles kam hoch, und sie brauchten Unterstützung. Wir hatten hier eine Flut von Anrufen. Welche Störungen Menschen entwickeln, hängt davon ab, wie sie die Erfahrungen für sich verpackt haben. Über die dissoziative Identitätsstörung sprachen wir schon. Eine ganz typische Missbrauchsfolge ist auch Anorexie, Magersucht, quasi als Verweigerung der Geschlechtsreife. Die Ausbildung von Brüsten, die Behaarung, die Periode, das wird verzögert. Bei anorektischen Patienten habe ich immer wieder mal einen Missbrauch im Hintergrund – aber bei anderen eben immer wieder auch nicht, der Umkehrschluss ist also nicht zulässig. Depressionen sehen wir häufig. Abhängigkeitserkrankungen; das ist eine ganz klassische Folge, eine Form von Selbstmedikation. Und ganz viele Angst- und Zwangsstörungen. Ich muss ja Systeme schaffen, die mich überlebensfähig machen. Das was mich gefährdet, vermeide ich. Bei manchen bedeutet das, dass sie das Haus nicht mehr verlassen. Und dann finden Sie mal einen Psychotherapeuten, der Hausbesuche macht.

Karsten Krogmann

Karl-Günther Theobald ist Psychologischer Psychotherapeut. Seit 2003 ist er in der Bundesgeschäftsstelle des WEISSEN RINGS als Koordinator des Fachbereichs Medizin/Psychologie tätig. Dazu gehört die Unterstützung der Ehrenamtlichen, die Koordinierung von Forschungsaktivitäten und die fachliche Begleitung lobbypolitischer Aktivitäten zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern.