Frankfurt (Oder)

„Ein Schritt nach dem anderen“

Seit sieben Jahren engagiert sich Elfi Wolf für den Weissen Ring. Sie bewertet nicht, beschwichtigt nicht, macht einen Schritt nach dem anderen. Eine zentrale Rolle spielt dabei ein dick gepolstertes braunes Ledersofa.

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Foto: Stefan Geller

Nein, kein Besprechungstisch. Es ist ein Sofa, auf das Elfi Wolff ihre Kundinnen oder Kunden einlädt. Ein breites, dick gepolstertes braunes Ledersofa mit gemütlichen Armlehnen. Darauf setzen sie sich, Elfi Wolff zeigt ganz beiläufig, wie man das Fußteil ausfahren und die Beine hochlegen kann, und dann fragt sie: „Möchten Sie erzählen?“

Wolff arbeitet seit sieben Jahren als Ehrenamtliche beim WEISSEN RING, sie leitet die Außenstelle in Frankfurt an der Oder – und ist zugleich die einzige Ansprechpartnerin vor Ort. Das Büro mit dem Sofa liegt im Hinterraum ihres Kosmetik- und Fußpflegestudios. Warme Cremetöne kleiden die Wände, ein dicker Vorhang lässt vergessen, was hinter der Verbindungstür passiert, der Schreibtisch wirkt penibel aufgeräumt: Hier ist Zeit und Raum nur für den Gast.

„Kunden“ oder „Geschädigte“ nennt Wolff die Kriminalitätsopfer, die sie besuchen. Kunden, „denn ich biete ja auch einen Service an“. Das Wort Opfer mag sie nicht. „Das legt einen Menschen gleich auf diese Rolle fest.“ Außerdem werde „Opfer“ seit ein paar Jahren als Schimpfwort verwendet, das sehe sie oft in der Stadt an Wände gesprüht: „Du Opfer!“

Für Wolff sind diese Menschen einfach in einer Notlage und brauchen Hilfe. Sie kann helfen, weil sie sich auskennt. Und so hört sie sich an, was vorgefallen ist, und erklärt, was sie tun kann. Wer keine sichere Wohnung mehr hat, dem verhilft sie schnell zu einer Unterkunft. Wer bestohlen wurde, bekommt Geld für das Nötigste. Menschen, die Behörden und komplizierte Formulare fürchten, begleitet sie. Sie unterstützt, berät, vermittelt. Und manchmal hört sie einfach nur zu oder begleitet Geschädigte auf Spaziergängen, „damit sie mal den Kopf frei kriegen“. Wolff bewertet nicht, beschwichtigt nicht. Sie macht einen Schritt nach dem anderen.

Elfi Wolff und ihr Sofa (Foto: Stefan Geller)

Bevor sie ihren Salon eröffnet hat, arbeitete Wolff als Krankenschwester, zuletzt auf der Intensivstation. Gespräche mit Patienten seien ihr nie schwergefallen: „Ich konnte mit Todkranken ganz normal über ihre Beschwerden reden, bis zum Tag, an dem sie starben. Die Dinge beim Namen nennen und erklären, was man tun kann. Ein Schritt nach dem anderen.“ War sie innerlich trotzdem betroffen, von Mitleid erfüllt? Wolff überlegt. Die sonst so feste, ruhige Stimme wird weicher. „Nein, in dem Moment nicht. Da habe ich einfach funktioniert. Das ist auch heute so.“ Sie habe viel darüber nachgedacht: Ob sie vielleicht kalt sei? Aber nein. Sie schüttelt den Kopf mit dem kurzen dunkelblonden Haar. „Wäre ich emotional beteiligt, könnte ich nicht helfen.“ Später, viele Stunden nach einem Gespräch, da setze dann das Kopfkino ein. Und an manche Patienten von damals denke Sie jetzt noch, 30 Jahre später.

Wie um die Parallele zu betonen, war es ausgerechnet ein Krankenhaus, durch das Wolff zum WEISSEN RING kam. Sie lag als Patientin auf einer Station, auf der ein Mit-Patient bestohlen wurde. Sie kamen ins Gespräch, der Bestohlene fragte, ob sie ihn begleiten würde auf die Polizeistation. „Da lagen Flyer vom WEISSEN RING aus, und ich habe darin gelesen. Ich dachte, das finde ich gut, da will ich mich engagieren. Damit kann ich leben.“ Das sagt sie öfter: Damit kann ich leben. Sie wolle sich nicht vereinnahmen lassen, erklärt Wolff, sich nicht in eine Politik oder Bewegung hineinziehen lassen. Sie möchte nur einfach in konkreten Situationen helfen. Aktiv werden, wenn sie gebraucht wird. Dann wurde sie also nie angesprochen, ob sie sich engagieren wolle? „Nein! Das hab ich mir selbst gesucht.“

Berührungsängste? Nö.

Selbstbestimmtheit: Die hat sie als Kind fürs ganze Leben geprägt. Aufgewachsen ist Wolff in Penkun, mit 2.000 Einwohnern die kleinste Stadt Mecklenburg-Vorpommerns, kurz vor der polnischen Grenze. Das malerische Örtchen liegt umgeben von Seen und Feldern. Häuschen mit roten Dächern scharen sich um die Kirche, etwas abseits, von Wald umgeben, thront ein Schloss aus dem 12. Jahrhundert. „Schöner kann man nicht aufwachsen“, sagt sie: „Wie wir als Kinder den ganzen Tag herumgezogen sind und machen konnten, was wir wollten – das war die absolute Freiheit.“ Von Penkun ging es nach Schwedt, dann Rostock, Eisenhüttenstadt, verschiedene Orte in Baden-Württemberg, dann zurück in den Osten nach Frankfurt/Oder. Dazwischen bereiste sie fast die ganze Welt. Irgendwann schulte Wolff um auf Kosmetik und Fußpflege, gründete ihr eigenes Studio, wo sie selbst bestimmen kann und Austausch mit Menschen hat, der ihr so viel bedeutet.

Seit gut einem Jahr lebt sie nun in Fürstenwalde, zwischen Frankfurt/Oder und Berlin. Beim Herumziehen blieb es also. War das nicht anstrengend? „Nein! Ich habe immer leicht Leute kennengelernt, schon durch die Arbeit. Und ich habe mir auch immer schnell meinen Lieblingsbäcker gesucht, meinen Lieblingsblumenladen und Lieblingsfriseur. Durch den Friseur kennt man sowieso bald den halben Ort.“ Wolff lacht, kraftvoll, aus dem Bauch heraus. Berührungsängste? Nö, habe sie nie.


„Das alles hat meinen Horizont unheimlich erweitert.“

Elfi Wolff

Vielleicht ist es diese Mischung aus Selbstbestimmtheit, Tatkraft und fehlender Berührungsangst, mit der sie ihre Arbeit beim WEISSEN RING so gut macht. Lernen musste sie trotzdem viel. Anders als andere Ehrenamtliche, die auf ein Berufsleben bei der Polizei oder als Anwalt zurückblicken, fehlte ihr jede Basis. In der Ausbildung für Ehrenamtliche lernte sie das Grundsätzliche für den Umgang mit Kriminalitätsopfern. Im Selbststudium schaffte sie sich das deutsche Rechtssystem drauf, Straf- und Sozialgesetze, unzählige Behörden, Verbände und Hilfsvereine und deren Funktionen. Eine Opfer-Anwältin und Zusammenkünfte mit anderen Engagierten halfen dabei. „Das alles hat meinen Horizont unheimlich erweitert.“ Fortbildungen kamen dazu, für den Umgang mit Betrugsopfern zum Beispiel. Eigentlich hätte sie gern auch längst eine weitere zu Missbrauchsfällen und Stalking absolviert – sie machen den Großteil ihrer Arbeit aus –, doch die Pandemie verhinderte dies bisher.

Schon beim ersten Fall ging es um Missbrauch, Wolff erinnert sich genau. Sie begleitete ihren Vorgänger Wolfgang Mücke, und ohne es zu merken, ergriff sie in dem Gespräch irgendwann das Wort, und die Geschädigte sprach bald nur noch mit ihr. „Herr Mücke sagte später, er habe selbst noch einiges gelernt.“ Wolff schmunzelt, die Augen blitzen.

Drei Schlösser an der Wohnungstür

Gibt es Fälle, die ihr besonders in Erinnerung geblieben sind? „Zwei.“ Das kommt prompt. Zwei junge Frauen. Die eine überlebte einen Mordversuch, vorher war sie von einer Gruppe junger Männer und Frauen gefoltert worden, die Haare wurden ihr abgebrannt. „Sie ist geflüchtet, wurde aber wieder gefangen und dann in die Oder geworfen. Nur mit Glück konnte sie sich an der Spundwand festhalten.“ Wolff besuchte die junge Frau zu Hause, sie hatte an der Wohnungstür drei Schlösser. „Als sie die verriegelt hat und sagte, dass die Täter in der Nähe wohnen, da wurde mir schon mulmig.“ Heute sitzen die Täter im Gefängnis, die junge Frau hat Wolff ein Foto geschickt. Ihre Haare sind wieder gewachsen.

Es ist schön zu wissen, dass es wieder aufwärts geht. Von dem anderen Fall hat sich jede Spur verloren: eine junge Frau aus Tunesien, die krank war und nach Deutschland verschleppt wurde, mit dem Versprechen, von einem Arzt behandelt zu werden. Stattdessen wurde sie als Sexsklavin gefangen gehalten. Sie konnte fliehen – mit nichts am Leib als einem Nachthemd. „Dieses Mädchen war so eingeschüchtert, und sie tat mir so leid“, sagt Wolff. Sie besorgte ihr sofort eine weite Hose mit passender langer Tunika. „Damit sie sich wenigstens angemessen gekleidet fühlt.“


Ich wäre gern Millionärin, um allen helfen zu können.“

Elfi Wolff

Was bekommt man für ein Weltbild, wenn man immer wieder in solche Abgründe schaut? Wolff hat die Frage schon oft gehört: „Ich sag immer, die Welt ist schlecht, aber ich kenne mehr gute Menschen als schlechte.“ Desillusioniert sei sie trotzdem. Zum Beispiel die Enkel- oder Polizeitricks, mit denen ältere Menschen betrogen werden – Wolffs Stimme klingt nun doch etwas nach Kloß im Hals. „Da werden Leute um die Früchte ihres gesamten Lebens gebracht. Um das Geld, mit dem sie später einen Heimplatz bezahlen wollten.“ Schützen könne man diese Menschen trotzdem kaum: die Kinder weit entfernt, der Geist nicht mehr so schnell und klar. „Da wäre ich gern Millionärin, um allen helfen zu können.“

Was hilft ihr, wenn sie mal Abstand braucht? Wolffs Lebensgefährte sei ein guter Gesprächspartner, mit ihm rede sie ganze Abende lang. „Den Fernseher schalten wir gar nicht mehr ein.“ Überhaupt: Nachrichten, das Weltgeschehen, das lasse sie nicht mehr ständig auf sich einprasseln, das schaue sie in den Mediatheken, wenn sie es will. Auch die Zeiten des Reisens und Umherziehens scheinen vorbei. Heute ist es Ruhe, die ihr guttut. Heute möchte sie nichts lieber als die Stille in ihrem Zuhause genießen.

Die Kraft und Sicherheit, die Wolff ausstrahlt, jetzt mit Anfang sechzig, die schöpft sie aus dieser Ruhe. Wolff legt sie in jedes Wort, wenn sie ihre Kunden fragt: „Möchten Sie erzählen?“ 

Hiltrud Bontrup