Opfer der Amokfahrt

Volkmarsen – ein Ort der Tat

Nach der Amokfahrt am Rosenmontag 2020 im hessischen Volkmarsen mit 154 Verletzten wurde aus einem Tatort schnell ein Ort der Tat: Viele packten mit an, halfen. Wie geht es den Opfern heute?

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Foto: Christoph Klemp

Diana wippt mit den Füßen. Auf ihr rechtes Bein ist ein Notenschlüssel tätowiert, der sich jetzt im Takt des Wippens auf und ab bewegt. Ihre Liebe zur Musik geht unter die Haut. Die 24-Jährige spielt Klavier, Gitarre, Saxophon, am liebsten aber Klarinette im Orchester. Doch jetzt ist jeder Ton eine Tortur für sie. Die Finger gehorchen ihr noch nicht wieder richtig, das Greifen der Töne fällt ihr schwer. Immerhin hat sie mittlerweile wieder genug Luft zum Spielen der Blasinstrumente. Sie hat hart dafür gearbeitet.

Diana sitzt als Nebenklägerin im Prozess gegen den Mann, der sich für ihr Leiden verantworten muss. Der Diana als eine der ersten frontal erfasst hat, als er durch die Fußgruppen und Zuschauer des Rosenmontagszuges gerast ist. „Ich wüsste schon gern, warum er das gemacht hat“, sagt Diana. Diana schwebte in Lebensgefahr, lag drei Wochen lang im Koma und kämpft bis heute mit den Folgen. An diesem Tag Ende Juni 2021 sagt sie als Zeugin vor Gericht aus.


„Kurz danach flogen die Trümmerteile.

Christian (18), Schüler

I. Amokfahrt

Es ist bitterkalt am 24. Februar 2020. Eine Clique junger Frauen bereitet sich im Pfarrhaus der evangelischen Kirchengemeinde in Volkmarsen auf den Rosenmontagszug vor. Sie sind Teil der Gruppe „Wilde 13“, die in diesem Jahr die Sesamstraße als Motto auserkoren hat. Zum Karneval sind sie aus ihren Studien-, Ausbildungs- oder Arbeitsorten zurückgekommen in ihre kleine Heimatstadt in Nordhessen. Wie jedes Jahr. „Die Mädels haben sich so gefreut, die hatten so einen schönen Motivwagen.“ So erzählt es Britta Holk, die evangelische Gemeindepfarrerin. Ihre 22-jährige Tochter Debora gehört ebenfalls zur „Wilden 13“.

Nur wenige Straßen weiter parkt an diesem Morgen vis-à-vis zur Umzugsstrecke ein Mann seinen Mercedes-Kombi in einer Parkbucht vor dem Bahnübergang. Tags zuvor hatte er, so werden es später die Ermittlungen ergeben, eine Videokamera auf dem Armaturenbrett installiert, eine sogenannte Dashcam. Der Staatsanwalt vermutet, er habe damit seine Tat filmen wollen.

Gegen halb drei setzt sich der Festzug am Volkmarser Marktplatz in Bewegung. Tausende Zuschauer säumen die Straßen. Die „Wilde 13“ schiebt eine überdimensionale Sesamstraßen-Torte vor sich her. In der Mitte laufen Ernie, Bert & Co. Es gibt einen Oskar, der in einer großen blauen Papiertonne geschoben wird. Eine junge Frau im Krümelmonster-Kostüm zieht einen Bollerwagen mit Keksen, die Kinder an der Strecke greifen gern zu. In Sichtweite des Bahnübergangs gerät der Umzug etwas ins Stocken.

Aufstellung zum Rosenmontagszug 2020 in Volkmarsen. Foto: Elmar Schulten
Aufstellung zum Rosenmontagszug 2020 in Volkmarsen. Foto: Elmar Schulten

Auf der Kreuzung am Bahnübergang stehen V-förmig zwei Sprinter-Transporter der Stadt, um die Zugstrecke zu markieren. Auf der einen Seite geht es stadtauswärts, der Zug macht am Bahnhof kehrt und führt dann auf der anderen Seite der Sprinter wieder in die Stadt hinein. Zwischen diesen beiden Sprintern stehen an diesem Tag vier Pylonen.

Diese Pylonen, so werden es Zeugen später vor Gericht schildern, nutzt der Amokfahrer als eine Art Startlinie für seine zerstörerische Fahrt. Nachdem sich die Schranken an diesem Tag gegen 14.40 Uhr geöffnet haben, fährt er über den Bahnübergang. Doch statt rechts abzubiegen, wie an diesem Tag vorgeschrieben, fährt er auf die beiden Sprinter zu. Dann geht alles sehr schnell, es dauert nur wenige Sekunden: Der Mercedes fährt zwischen den Transportern über die Pylonen und beschleunigt dann mit aufheulendem Motor und quietschenden Reifen.

„Ich habe noch gedacht, was will der hier?“, so schildert Bankkauffrau Lea (25) diesen Moment vor Gericht. So wie Lea sehen viele den Wagen auf sich zurasen, flüchten können sie nicht mehr. Auf Höhe der „Wilden 13“ lenkt er den 1.800 Kilogramm schweren Kombi in die Fußgruppe. „Da waren plötzlich die Scheinwerfer. Wir konnten nicht mehr weg“, so schildert es Debora, die in der Gruppe neben Diana steht.

Diana ist eine der ersten, die der Fahrer frontal erwischt. „Oskar in der Tonne“, ein junger Garten- und Landschaftsbauer, wird durch die Wucht des Aufpralls aus der Tonne geschleudert. Die Folgen: Schädel-Hirn-Trauma, Mittelhandbruch, Platzwunde und Prellungen. Eine weitere Frau wird lebensgefährlich verletzt, als sie von Teilen der Tonne im Gesicht und am Kopf getroffen wird.

Diana kämpft bis heute mit den Folgen der Amokfahrt in Volkmarsen. Foto: Christoph Klemp
Diana kämpft bis heute mit den Folgen der Amokfahrt in Volkmarsen. Foto: Christoph Klemp

Debora erwischt der Amokfahrer seitlich. Wieder andere berichten von einer Druckwelle, die sie auf den Asphalt schleudert. Viele berichten, der Mann habe immer wieder Gas gegeben. Ein Gutachter wird später feststellen, dass der Kombi zwischen 50 und 60 Stundenkilometer fährt, als er die ersten Menschen erfasst.

Erst 42 Meter später kommt der Wagen zum Stehen.

Drei Männer und eine 16-Jährige hindern den Fahrer mutig daran, seine Amokfahrt fortzusetzen. Die Männer halten ihn fest, einer von ihnen prügelt auf den Fahrer ein. Die 16-Jährige versucht, den Schlüssel abzuziehen. Am Ende gelingt es ihnen mit vereinten Kräften. Zu hören ist all das auf der Aufnahme der Kamera, die der Mann tags zuvor installiert hat. Die ist jedoch erst angesprungen, als der Wagen bereits steht. Zwei Polizisten nehmen den Fahrer schließlich fest und bringen ihn zügig weg, um ihn vor Selbstjustiz zu schützen.

Rund um den Wagen spielen sich dramatische Szenen ab. Auf und unter dem Kombi liegen weitere Verletzte. Unter der Frontschürze ist ein dreijähriges Mädchen eingeklemmt, das bitterlich weint. Die Kleine hat sich nach Bonbons gebückt, als der Wagen sie mitreißt. Mehrere Männer heben den Wagen des Amokfahrers an, um das Mädchen zu befreien.

Der Mann überfährt an diesem Tag Dutzende Zugteilnehmer und Zuschauer, darunter viele Kinder.

Petra Jäger, selbst als Mutter und Oma betroffen, wird ein Jahr später im Gedenkgottesdienst sagen: „Ich kann mich noch gut an die paar Sekunden der Stille erinnern, bevor man nur noch Hilferufe hörte. Es war einfach schrecklich.“


„Ich bin von einer Druckwelle umgeworfen worden. Als ich wieder aufgestanden bin, habe ich das Chaos gesehen.

Lena (24), Studentin

II. Der Schock

Pfarrerin Holk sieht sich den Zug bei einer Bekannten am Markt an. In Volkmarsen schaut man sich den Zug mehrmals an verschiedenen Stellen in der Stadt an. Gegen 14.45 Uhr macht sie sich auf den Weg. Sie nimmt eine Parallelstraße, um nicht durchs Menschengewühl zu müssen. Dutzende kommen ihr entgegen: „Frau Holk, es ist was passiert, da vorne ist ein Auto reingefahren.“ Holk beginnt intuitiv zu laufen, sie denkt an einen Unfall und dass sie als Notfallseelsorgerin gefragt sein könnte.

Tunnelblick am Tatort

Am Ort des Geschehens entwickelt sie einen Tunnelblick. Sie sieht, so erzählt sie es, wie zwei Polizisten schnellen Schrittes einen Mann wegführen. Sie denkt, was ist denn hier los? Und dann sieht sie es, ihre Gedanken überschlagen sich: Da liegt ein verletzter Mensch auf dem Boden. Ein Kind. Kenne ich aus dem Kindergarten. Da liegt jemand. Dort liegt jemand. Wieder ein Kind. Ein Stück weiter sieht sie die beste Freundin ihrer Tochter in Embryonalhaltung auf der Straße liegen. „Da habe ich Panik bekommen“, sagt sie. Freundinnen ihrer Tochter sagen ihr, wo Debora sitzt. Holk denkt: „Wenn sie sitzt, ist ja alles gut. Wo bin ich sonst gefragt?“

Bis dahin, schildert Holk, habe sie gut funktioniert, sie hätte als Seelsorgerin am Tatort fungieren können. Beim Anblick ihrer Tochter habe sich das geändert. Debora lässt sich zur Notfallsanitäterin ausbilden, sie hat viel gesehen und kann viel ertragen. Jetzt hyperventiliert sie, kurz darauf kollabiert sie. Britta Holk ist schlagartig keine Helferin mehr, sondern eine Mutter, voller Sorge um ihre Tochter. Debora wird später als Zeugin vor Gericht aussagen: „Körperlich ist alles wieder gut, aber ich habe immer noch die Bilder im Kopf.“

Als Britta Holk am Rettungswagen auf ihre Tochter gewartet habe, sei ihr bewusst geworden, was an der Strecke los ist. Wie viele Menschen dort wuseln. Wie viele Verletzte dort liegen. Wie viele Eltern ihre Kinder suchen. „Es war heftig.“ Sie alarmiert die Notfallseelsorge, schreit ins Telefon: „Schickt ganz viele, schickt am besten alle!“

Britta Holk war schnell am Tatort, voller Sorge um ihre Tochter. Foto: Christoph Klemp
Pfarrerin Britta Holk war schnell am Tatort. Sie führte viele Einzelgespräche mit Betroffenen. Foto: Christoph Klemp
Wie versteinert, aber unverletzt

Ein dreifacher Familienvater schildert vor Gericht, wie er am Rosenmontag nach seinen beiden Töchtern und seinem Sohn gesucht hatte. Er fand seine beiden Töchter: Wie versteinert, aber unverletzt. „Wo ist euer Bruder?“ Der lehnte einige Meter weiter an einem Umzugswagen – mit blutüberströmtem Gesicht, auch sein Kostüm war mit Blut befleckt.

„Papa, ich werde so müde.“

„Schlaf bloß nicht ein!“

Doch dann wischt sich der Sohn das Blut aus dem Gesicht und eilt seinen Feuerwehrkameraden zu Hilfe. Wie alle Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr hat auch er im Umzug seinen Pieper dabei. „Freundschaft, Kameradschaft, Teamgeist“ – so steht es in Großbuchstaben auf einer großen Werbetafel für die Freiwillige Feuerwehr am Ortseingang des kleinen Städtchens. Das ist in Volkmarsen mehr als ein Werbespruch. Und jeder geht anders mit den traumatischen Erlebnissen um.

Viele Opfer werden an diesem Tag zu Ersthelfern, zählen Verletzte, besorgen Verbandskästen und leisten Hilfe. Am Ort des Geschehens ist eine Apotheke: Der Besitzer bringt Verbandsmaterial und öffnet sein Geschäft, damit Verletzte dort behandelt werden können. Das katholische Pfarrzentrum St. Hedwig direkt ums Eck wird zu einer Anlaufstelle. Dort gibt es Kaffee, Verpflegung und auch gemeinsame Gebete.

Alle packen mit an

An dem Tag gibt es, so berichten es viele, die dabei gewesen sind, großes Einfühlungsvermögen und Disziplin der Menschen. Britta Holk erlebt es so: Es gibt keine Schaulustigen, keine Smartphone-Gaffer, viele packen mit an. Aus einem Tatort wird ein Ort der Tat. Schon bald machen die Zuschauer den Rettungskräften und Ermittlern Platz, damit die ihre Arbeit machen können.

Ein Hubschrauber bringt Diana in eine Spezialklinik nach Bielefeld. Drei Wochen lang liegt sie im Koma. Ein Rotationsbett sorgt dafür, dass ihre Lungen arbeiten können. Sie schwebt lange in Lebensgefahr. Vier Fixateure halten über mehrere Monate ihren linken Arm zusammen. Die Narbe ist deutlich sichtbar. Dianas Brillengläser tönen sich automatisch im Sonnenlicht, weil ihre Augen sehr lichtempfindlich geworden sind. Der Richter wird im Prozess fast eine Stunde brauchen, um Dianas Krankenakte zu verlesen. Diana selbst sagt: „Ich weiß das alles ja nicht mehr. Es ist ein bisschen so, als hätte ich ein Buch darüber gelesen.“

Insgesamt gibt es an diesem Tag mindestens 154 an Leib und Seele verletzte Menschen. Darunter viele Kinder. „Es ist ein Wunder, dass in Volkmarsen niemand ums Leben gekommen ist“, sagt Rechtsanwalt Klemens Wirth, der Diana als Nebenklägerin vertritt.


„Ich habe lange Zeit gedacht, ich hätte einen Albtraum. Ich dachte, wenn ich nur einmal richtig einschlafe, dann wäre beim nächsten Aufwachen alles wieder so früher.

Diana (24), Auszubildende

III. Von Helfern und Hilfen

Zugteilnehmer, Zuschauer, Helfer und Kinder – der Anschlag auf den Karneval in Volkmarsen traumatisiert sehr viele Menschen. Jeder und jede in Volkmarsen kennt einen direkt Betroffenen. In einigen Familien sind mehrere Menschen Opfer geworden.

Für die Opfer gibt es einen festen Anlaufpunkt. Das Rathaus wird zur Zentrale der Zeugenbefragung. Keine zwei Wochen nach dem schwarzen Rosenmontag tagt dort am 6. März 2020 ein Runder Tisch. Das Ziel: Hilfen bündeln und zielgerichtet einsetzen. „Diese Kooperation hat schnell Gutes bewegt und dafür gesorgt, dass die Betroffenen Hilfsangebote bekommen haben“, sagt Professor Dr. Helmut Fünfsinn, Opferbeauftragter des Landes Hessen.

Für Diana kümmert sich ihre Mutter um die Anträge. Schwierig sei es am Anfang gewesen, die Zuständigkeiten zu klären. Denn Diana wohnt in Nordrhein-Westfalen. Die hessischen Behörden hätten sich auf dem kurzen Dienstweg mit den Behörden in Nordrhein-Westfalen abgestimmt. „Vom Opferschutz her war das super, die haben das gut untereinander geregelt“, sagt Dianas Mutter. Helmut Fünfsinn habe das sehr gut zusammengehalten.

Das Netz ist engmaschig, aber für Laien kompliziert. Das jüngst reformierte Opferentschädigungsgesetz (OEG) sieht künftig jeweils einen Fallmanager vor, der dann für eine Person oder Familie zuständig ist. Auch wenn ein Auto als Tatwaffe eingesetzt wird, greifen jetzt die Regelungen des OEG. Das war lange nicht so. Bis Juni 2021 war dafür allein die Verkehrsopferhilfe zuständig.

Solidaritätsgottesdienst in derVolkmarser Marienkirche für die Opfer der Amokfahrt am Rosenmontag in Volkmarsen. Mit dabei sind Ministerpräsident Volker Bouffier, Innenminister Peter Beuth, die evangelische Landesbischfin Prof. Beate Hofmann und der katholsiche Erzbichof von Fulda, Gerber. Foto: Elmar Schulten
Solidaritätsgottesdienst in der Volkmarser Marienkirche für die Opfer der Amokfahrt am Rosenmontag in Volkmarsen. Mit dabei sind Ministerpräsident Volker Bouffier, Innenminister Peter Beuth, die evangelische Landesbischöfin Beate Hofmann und der katholische Bischof von Fulda, Michael Gerber. Foto: Elmar Schulten

Mehr als 180 Menschen haben nach der Volkmarser Amokfahrt Anträge auf Entschädigungszahlungen bei der Verkehrsopferhilfe gestellt. Der Großteil der Anträge konnte bislang nach Angaben eines Sprechers allerdings noch nicht abgeschlossen werden. Das liege insbesondere daran, so der Sprecher weiter, dass das Land Hessen zwar angekündigt habe, das Opferentschädigungsgesetz an-zuwenden, aber das zuständige Landesamt bisher keine Entscheidungen über die tatsächlichen Entschädigungen getroffen habe.

„Das ist für die Opfer sehr schwer zu ertragen, aber die juristisch sichere Variante ist es, das Urteil im Strafprozess abzuwarten“, sagt Fünfsinn.

Petra Kern strahlt eine angenehme Ruhe aus. Die Rentnerin ist ehrenamtliche Mitarbeiterin des WEISSEN RINGS und mit dem Volkmarser Karneval aufgewachsen. Sie wohnt in Korbach, keine 30 Kilometer von Volkmarsen entfernt, und ist selbst als Jugendliche oft mit Freundinnen zum Feiern dort gewesen. „Rosenmontag in Volkmarsen gehörte für uns einfach dazu“, sagt sie.

Am Rosenmontag 2020 saß sie vor dem Fernseher und schaute sich die Übertragung der Umzüge aus dem Rheinland an, als die Meldung aus Volkmarsen kam. „Ich war schockiert. Ich wusste, dass eine Freundin von mir dort ist, und habe ihr eine SMS geschickt und sofort in unserer Außenstelle Waldeck-Frankenberg angerufen.“

Elf Opfer melden sich beim WEISSEN RING. Der Verein leistet finanzielle Ersthilfe, damit die Menschen neue Kleidung kaufen können, die bei dem Anschlag ruiniert wurde. Oder damit sie sich mit der Familie für ein Wochenende einfach mal einen Tapetenwechsel leisten können. „Die Menschen konnten das nicht glauben, als ich mit dem Geld vor der Tür stand“, sagt Petra Kern. „Sie möchten gern damit abschließen, aber es gibt Momente, in denen alles wieder präsent ist: Wenn Reifen quietschen oder ein Motor aufheult, bekommen sie Panik und Schweißausbrüche.“ So haben sie es Petra Kern erzählt. Die ehemalige Chefin der Korbacher Kreishaus-Kantine verspricht den Menschen: „Solange Sie mich brauchen, bin ich für Sie da.“

Petra Kern ist ehrenamtliche Mitarbeiterin beim WEISSEN RING.
Foto: Christoph Klemp

Es ist kompliziert, aber Hilfe kommt von allen Seiten. Doch reicht diese Hilfe?

Was Ersthelfer sind, ist klar definiert: Personen, die bei Unglücksfällen, allgemeiner Gefahr oder Not Hilfe leisten oder jemanden aus einer akuten Gesundheitsgefahr retten oder zu retten versuchen. Das kann auch eine Mutter sein, die ihr Kind vor einer Gefahr schützt und sich dabei verletzt. 48 Menschen melden sich bis Juli 2021 bei der Unfallkasse Hessen. Bei dieser sind Ersthelfer gesetzlich versichert, sie sorgt für psychologische Betreuung, allgemeine Beratung und psychologische Erstversorgung.

Eine wichtige Rolle spielt die Kasseler Hilfe, eine regionale Beratungsstelle für Opfer und Zeugen von Straftaten. Rund 30 bis 40 Anfragen und Kontakte aus Volkmarsen habe es in dieser Zeit gegeben, sagt Ute Ochs von der Kasseler Hilfe. Die Mitarbeiterinnen klappern alle Therapeuten und Kliniken ab, fragen nach: Was könnt ihr anbieten, damit die Menschen nicht so lange Wartezeiten haben?

Die Kasseler Hilfe ist es auch, die eine Kinderpsychotherapeutin aus Kassel einlädt. Diese erklärt den Eltern betroffener Kinder, wie die Kleinen mit den traumatischen Erlebnissen umgehen und wie Eltern und Erwachsene sie unterstützen können, damit die Kinder ihr Sicherheitsgefühl und das Vertrauen in ihre Umgebung wieder aufbauen.

Öffentliche Treffen sind schon bald nicht mehr möglich: In diese Zeit, in der Nähe und gemeinsame Aufarbeitung so wichtig sind, fällt der erste Corona-Shutdown.


„An Volkmarsen sieht man, wie wichtig die Verarbeitung eines solchen Geschehens vor Ort ist. Insofern ist der Ort eine Blaupause. Das wird man aber in Großstädten so nicht umsetzen können.

Prof. Dr. Helmut Fünfsinn, Opferbeauftragter des Landes Hessen

IV. Gemeinschaft in Corona-Zeiten

Diesen Angriff auf die Menschlichkeit könne man nur gemeinsam verkraften, sagt der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier bei einem ökumenischen Gottesdienst in Volkmarsen am Tag danach. Da weiß er noch nicht, dass das ganze Land drei Wochen später im Corona-Shutdown sein wird. In einer Zeit, in der Gemeinschaft und Nähe wichtig sind, gelten Abstandsgebote und Kontaktbeschränkungen.

„Wir haben in der Familie sehr viel darüber geredet. Das war bei jeder Mahlzeit ein Thema. Jeden Tag, jeden Abend. Da sind auch Tränen geflossen“, sagt Joachim, dreifacher Familienvater, vor Gericht über die Zeit der Aufarbeitung. Sehr geholfen habe in dieser Zeit vor allem die Freiwillige Feuerwehr in Volkmarsen.

Verdrängen und vermeiden

In den Volkmarser Vereinen treffen sich kleine Grüppchen: bei der Freiwilligen Feuerwehr, bei der Katholischen jungen Gemeinde (KjG), beim Musikverein und beim Karnevalsverein. „Trotz allen Ungemachs ist es gut, dass es in Volkmarsen diese Strukturen gibt. Da wird schon viel aufgefangen“, sagt Helmut Fünfsinn. Viele stellen sich auch da schon die Frage, ob Volkmarsen jemals wieder unbeschwert Karneval feiern wird. Der Umzug mit dem Karnevalsgruß „Schurri“ bedeutet für viele im Ort ein gewachsenes Stück Tradition und Heimat.

Der katholische Pfarrer Martin Fischer sitzt im Pfarrzentrum St. Hedwig und erzählt mit leiser Stimme von Einzelgesprächen und vielen Tränen bei der seelsorgerischen Aufarbeitung. Viele berichten ihm von schlaflosen Nächten und Albträumen. „Hier in Volkmarsen kennt fast jeder jeden. Wir haben an die Verletzten gedacht, wollten wissen: Wie geht ihnen?“

Viele berichten Pfarrer Martin Fischer von schlaflosen Nächten und Albträumen. Foto: Christoph Klemp
Viele berichten Pfarrer Martin Fischer von schlaflosen Nächten und Albträumen. Foto: Christoph Klemp

Auch Pfarrerin Holk hat viele Einzelgespräche geführt. „Und das auch im Supermarkt, auf der Straße bis in die Amtshandlungen hinein bei Beerdigungen oder Taufen.“ Ein Stichwort oder ein Blick genüge, um zu wissen: Ich weiß, was du meinst. Ich weiß, wie es dir geht. Jeder in Volkmarsen kann sagen, wo er oder sie am 24. Februar 2020 war. „Wie geht’s dir?“ ist keine Floskel mehr, und wenn jemand den Rosenmontag erwähnt, dann wird es erstmal still. In Volkmarsen sei ein markanter Grad der Verbundenheit entstanden.

Aber bedeutet Verbundenheit auch Verarbeitung? Oder hat Corona doch vieles verschüttet, was eigentlich gemeinsam aufgearbeitet werden müsste?

„Viele wollen das Ereignis verdrängen und sich nicht mehr damit beschäftigen“, sagt Britta Holk. „Sie können alle weiterarbeiten, -studieren und weiterleben, aber verkraftet haben sie es noch lange nicht.“ Neben dem Verdrängen ist das Vermeiden eine zweite Strategie. „Ich kenne Leute, die bis heute sagen, an dieser Stelle wird mir ganz anders“, sagt Britta Holk. Sie selbst hat sich nie als Opfer gemeldet. „Ich habe ja nur miterlebt und ausgehalten“, sagt sie. Aber in diesem Fall trifft es die eigene Familie. Das führe sie immer wieder an ihre menschlichen Grenzen – auch nach 30 Jahren im Pfarramt und vielen miterlebten Schicksalen.

Wie hält sie selbst das aus?

„Ich habe Kolleginnen die ziemlich gut sind, ich habe einen Mann, der wirklich klasse ist, bei uns bleibt viel in der Familie“, sagt die Pfarrerin.

Auch Diana sagt, ihre Eltern, ihre Schwester, ihr Freund und ihre Freundinnen seien die besten Stützen gewesen.

Obwohl alle das gleiche Ereignis erlebt haben, wirkt sich das auf die Einzelnen unterschiedlich aus. „Wenn ich mit jemandem unter einem Dach wohne, der sehr betroffen und sehr elektrisiert ist, dann kann mich das auch triggern. Das kann auch zu viel sein“, sagt Ute Ochs von der Kasseler Hilfe.

Und noch etwas beschäftigt die Menschen in dieser Zeit: die juristische Aufarbeitung. Warum dauert das gefühlt so lange, bis der Täter vor Gericht kommt? Die Behörden ermitteln, Gutachter machen ihre Arbeit, aber die Menschen bekommen davon nichts mit. „Das Wissen um die Abläufe und ihre Rechte kann Menschen helfen, diese Unruhe auszuhalten“, sagt Ute Ochs.

„Es gibt in diesem Verfahren mehr als 400 Zeugen“, sagt Staatsanwalt Dr. Tobias Wipplinger. „Wir schulden es jedem einzelnen Opfer, die Geschehnisse am Rosenmontag 2020 strafrechtlich minutiös aufzuarbeiten.“

Kurz vor Weihnachten erhebt die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main Anklage: Auf 172 Seiten wirft sie dem Angeschuldigten unter anderem 91-fachen versuchten Mord und 90-fache schwere Körperverletzung vor.

Vor dem Prozess soll es eigentlich eine große Veranstaltung in Volkmarsen geben, bei der der Ablauf eines solchen Strafverfahrens erklärt werden sollte. Doch eine weitere Corona-Welle verhindert das.


„Wie kann ein Mensch so etwas machen – Menschen töten wollen und Familien auseinanderreißen?

Joachim (56), Technischer Angestellter

V. Die Konfrontation

Im Mai 2021 beginnt vor der 6. Großen Strafkammer des Landgerichts Kassel der Prozess. Wegen des erwarteten Besucherandrangs und der Corona-Auflagen mietet das Gericht eine Messehalle mit Platz für 360 Zuschauer an. Es kommen rund 20.

Liegt es an der Verdrängung? Oder vielleicht daran, dass die Hilfen greifen und in vielen Fällen doch so etwas wie eine Verarbeitung stattgefunden hat? Oder ist es einfach so, dass die Menschen in Volkmarsen der Justiz und deren Aufarbeitung des Geschehens schlicht vertrauen?

Möglicherweise ist das auch ein Grund dafür, dass es in einem Verfahren dieser Größenordnung nur drei Nebenkläger gibt.

Staatsanwalt Dr. Tobias Wipplinger nennt zum Prozessauftakt alle Verletzten einzeln beim Namen, zählt die Verletzungen auf, darunter Schädel-Hirn-Traumata, offene Brüche, Hirnblutungen, Lungenquetschungen, Milzrisse, Amnesien und Posttraumatische Belastungssyndrome.

Nach vier Verhandlungstagen zieht das Gericht in einen großen Saal im Kulturbahnhof Kassel um. Ein Stück zurück zur Normalität, aber wohl auch eine Frage der Kosten. Das Parkett und die dunklen Säulen bieten einen passenden Rahmen für einen Strafprozess. Polizisten bewachen die Eingänge. Zwei Justizbeamte sitzen mit im Saal, links und rechts vom Angeklagten und seinen Pflichtverteidigern.

Prozess zu Volkmarsen
Im Prozess schweigt der Angeklagte. Foto: Elmar Schulten

Der Strafprozess ist für viele Opfer und Zeugen Neuland. Sie sind bei der juristischen Aufarbeitung Zeugen, juristisch gesprochen: Beweismittel. Im Strafprozess versucht der Staat den staatlichen Strafanspruch durchzusetzen und fragt nur: Wer ist strafrechtlich dafür verantwortlich? Die Menschen in Volkmarsen stellen sich aber ganz andere, quälende Fragen:

Warum hat er das gemacht?

Was für ein Mensch tut so etwas?

Wie kann man Kinder töten wollen?

Beantworten kann das nur der Angeklagte. Doch der nutzt seinen rechtlichen Schutzraum voll aus und schweigt. „Ob er sich im Laufe des Prozesses äußern wird, ist noch offen“, sagt Bernd Pfläging, einer der beiden Pflichtverteidiger des Angeklagten. Täterrechte scheinen Opferrechten oft entgegenzustehen, aus Sicht von Opfern: über ihnen zu stehen.„Wenn sich jemand gar nicht kooperativ zeigt, dann ist das nochmal ein Schlag ins Gesicht der Opfer“, sagt Ute Ochs von der Kasseler Hilfe. „Es würde allen helfen, wenn er sich mal zu seinem Motiv äußern würde.“

Angaben werden im Prozess Menschen aus dem ehemaligen Arbeitsumfeld des Angeklagten sowie der Agentur für Arbeit machen müssen. Angehörige sind ebenfalls als Zeugen geladen, doch auch sie haben als Verwandte ein Auskunftsverweigerungsrecht. Eine psychiatrische Gutachterin sitzt mit im Gericht.

Anders als der Angeklagte dürfen die Opfer nicht schweigen. Sie müssen die Fragen im Gericht beantworten und sich dem starren Blick des Mannes aussetzen, der so viel Leid über sie gebracht hat. Der 30-Jährige fixiert jeden, der auf dem Zeugenstuhl sitzt. Er beugt seinen massigen Oberkörper nach vorn. Die mit einer Kette gefesselten Füße stehen fest auf dem Boden. Der Mann wirkt kalt.

Viel Wärme hingegen bringt die Kasseler Hilfe mit in den Prozess. Als eine junge Zeugin bei ihrer Aussage in Tränen ausbricht, nimmt sich Silke Emde einen Stuhl und setzt sich neben sie. Die Diplomsozialpädagogin legt ihre Hand beruhigend auf den Rücken der Zeugin. Die fängt sich wieder und kann weiter aussagen. Es sind viele, die weinen, als sie sich erinnern müssen. Silke Emde und ihre Kolleginnen sind immer zur Stelle.

Auch der Vorsitzende Richter Volker Mütze geht sehr einfühlsam mit den Zeuginnen und Zeugen um, befragt sie umsichtig. Der erfahrene Jurist hat schon einiges gesehen und erlebt, unter anderen hat er den „Kannibalen von Rotenburg“ verurteilt. Bis zum 16. Dezember 2021 hat Mütze den Prozess terminiert.

Diana verfolgt das Verfahren als Nebenklägerin, wann immer sie kann. Nur als am ersten Verhandlungstag das Video der Tat gezeigt wird, welches ein Polizist aufgenommen hat, der den Umzug jedes Jahr filmt, verlässt sie den Saal. Sie wird noch oft hören, was ihr passiert ist. Sehen möchte sie es nicht. „Ich bin sehr froh, dass ich mich an nichts erinnern kann. Und ich bin froh, dass ich nicht in Volkmarsen wohne“, sagt sie.

Diana sagt, der Anschlag habe sie verändert. Beim Bungee-Jumping oder Paragliding wäre sie früher ganz vorne mit dabei gewesen. „Heute würde ich das nicht mehr machen.“ Sie ist sich der eigenen Endlichkeit bewusst geworden. Mit 24. Egal, was die Verarbeitung bringt oder der Prozess: Opfer bleibt man. „Natürlich hasse ich den Typen. Aber ich lasse mir nicht meine Fröhlichkeit nehmen. Ich war vorher ein fröhlicher Mensch und ich bin heute ein fröhlicher Mensch.“ Und dann fügt sie noch hinzu: „Ich möchte endlich mal einen richtigen Karnevalsumzug in Volkmarsen mitmachen.“ Diana zählt auf:

2019 stoppte ein Unwetter den Rosenmontag, 2020 ein Amokfahrer, 2021 Corona.

2022 möchte Diana richtig Karneval feiern.

Mit Freunden, Familien und Vereinen.

So wie es früher war.

Christoph Klemp