Gelsenkirchen

Dunkle Stunden

Auf Schalke schlagen wütende Fans die Spieler und jagen sie mitunter bis zur Haustür. Wie kann es zu so einem Gewaltausbruch kommen?

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Foto: Pixabay: fsHH & jorona

Wenn du rausgehst, bleib ganz ruhig. Sag nichts und beweg dich nicht. Das waren die Gedanken eines Schalker Spielers in der Nacht des 21. April, wie er sie seinem Umfeld im Nachgang schilderte. Der FC Schalke war am Vorabend aus der Fußball-Bundesliga abgestiegen. Während der Rückreise vom Spiel in Bielefeld wurde den Spielern und Verantwortlichen mitgeteilt, dass aufgebrachte Anhänger die Akteure vor dem Heimstadion in Gelsenkirchen zur Rede stellen wollten. Fünf Kilometer vor der Arena hielt der Tross auf einem Rastplatz und diskutierte die Lage. Dann fassten die Schalker den Entschluss: Wir fahren hin und stellen uns den frustrierten Fans, um Schlimmeres zu verhindern. Ein fataler Trugschluss.

Um 1:29 Uhr hielt der Busfahrer vor dem Haupteingang der Arena und die Spieler stiegen nacheinander aus. Vor ihnen in der Dunkelheit stand ein mehrere hundert Mann starker Mob, darunter vermummte Gestalten, einige mit Quarzhandschuhen und Pyrotechnik. Als der erwähnte Spieler seinen Plan fasste, unbeweglich dazustehen und alles über sich ergehen zu lassen, wirkte das wie das Verhalten gegenüber Raubtieren, denen man zum eigenen Schutz starr begegnet. Einer der Fans hielt daraufhin eine lange Ansprache, in der er die Spieler derb abkanzelte. Die Polizei blieb außerhalb des Geländes, weil sie sich – wie sie später mitteilte – zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf dem Betriebsgelände des Vereins aufhalten durfte. Doch nur wenige Minuten später musste sie alarmiert werden.

Vorstand Peter Knäbel entschuldigte sich

Was in diesen Minuten dazwischen passierte, darüber kursierten in der Folge in ganz Deutschland Sprachnachrichten, Spekulationen und wacklige Videoaufnahmen. Nach vielen Gesprächen mit unmittelbar Beteiligten lässt sich der Ablauf aber rekonstruieren: Nach der Ansprache eskalierte die Situation, wohl auch nach einer flapsigen Replik aus der Mannschaft. Eier flogen, ein Böller detonierte aus der Menge, dann rannten einige Spieler panisch los und wurden von Teilen der Fans gejagt. Der andere Teil am Bus attackierte wahllos die verbliebenen Spieler und Verantwortlichen mit Schlägen und Tritten. Als sich nach einer knappen Minute die Polizei näherte, flohen die Angreifer in alle Richtungen. Zurück blieb eine Mannschaft unter Schock, einige trugen Hämatome davon, mehrere Autos der Spieler waren demoliert, ein Spieler wurde später von einer anderen Gruppe bis zu seinem Wohnort verfolgt. Er musste aus Sicherheitsgründen im Hotel übernachten. Erst mitten in der Nacht, als alle übrigen Spieler sich beim Klub gemeldet hatten, dass sie sicher zu Hause seien, waren auch die Verantwortlichen beruhigt. Vorstand Peter Knäbel entschuldigte sich zwei Tage später bei der Mannschaft, dass sie in Gefahr gebracht worden sei. Die Nacht von Gelsenkirchen zeitigte einen nie dagewesenen Grenzübertritt im Verhältnis zwischen Fußballspielern und Fans.

Doch nicht nur Fußballspieler sehen sich in jüngster Zeit einer neuen Form der Gewalt ausgesetzt. Die Entscheidung des Vereins, dass die Spieler zu den aufgebrachten Fans fahren, rührt auch von der verbreiteten Annahme her, dass sich Personen der Öffentlichkeit zu „stellen“ haben. Eine solche Konfrontation musste beispielsweise auch Gesundheitsminister Jens Spahn im vergangenen September in Bottrop erfahren, als ihn ein wütender Mob nicht mal sprechen ließ, sondern ihn auspfiff, beleidigte und niederbrüllte. Ähnliche Erfahrungen hatten der damalige Bundespräsident Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel in Dresden bei der Einheitsfeier 2016 gemacht. Die Vorfälle ähnelten dem mittelalterlichen Bußgang, bei dem einzelne Vertreter einer Gruppe im öffentlichen Raum geächtet wurden. Fußballer sollen Rechenschaft gegenüber einem aufgebrachten Mob ablegen für sportliche Krisen, Politikerinnen und Politiker für gesellschaftliche Krisen, Künstler und Journalistinnen für ihre Arbeit. Die Moderatorin Dunja Hayali wurde bei ihrer Berichterstattung regelmäßig offen angefeindet und bedroht. Ein Team der ZDF „heute-show“ wurde im vergangenen Jahr gar tätlich angegriffen.

Dem Hass zugrunde liegt eine neue Dynamik: Angreifer und Pöbler sehen sich vor allem durch ihre Internetblasen als Bevollmächtigte einer schweigenden Mehrheit und handeln aus ihrer Sicht gar „aus Notwehr“. Der Fußball zeigt, wie schlimm die Situation für Opfer eskalieren kann, wenn die „Bußgänge“ von öffentlichen Personen erwartet und die ersten Anfeindungen gegen sie im Netz quasi als „Berufsrisiko“ bagatellisiert werden. Und dabei zeigt sich auch, wie die Corona-Pandemie als Beschleuniger der Aggressionen wirkt.

„Ein mulmiges Gefühl”

Entgleisungen aus der Fanszene, besonders in sportlichen Krisensituationen, hatte es in Deutschland bereits früher gegeben, gewalttätige Angriffe auf Spieler jedoch nicht. So hatten Fans des 1. FC Nürnberg 2014 die Spieler zur Herausgabe ihrer Trikots aufgefordert, Anhänger des VfL Bochum 2012 die Profis mit Schneebällen beworfen. In Hamburg oder Köln reagierte der Block auf Abstiege mit schwarzer Pyrotechnik. Besonders makaber geriet eine Aktion der Fans in Dresden 2008, die nach der Niederlage ihrer Mannschaft in Paderborn auf dem Trainingsgelände symbolisch elf Gräber aushoben.

Ronny Nikol spielte damals bei Dynamo Dresden, heute leitet er eine Soccerhalle in Berlin. Am Telefon erinnert er sich, wie er sich damals fühlte: „Wir waren komplett unvorbereitet und konnten es erst nicht glauben, als wir am Gelände ankamen. Im ersten Moment haben wir geschmunzelt, weil wir das für einen schlechten Scherz hielten. Dann aber bekam man schon ein mulmiges Gefühl.“ Die Vereinsverantwortlichen von Dresden erstatteten Strafanzeige und suchten das Gespräch mit den Spielern. Der Betrieb aber ging weiter: Weil der eigentliche Trainingsplatz ruiniert war, fanden die Einheiten auf einem Kunstrasenplatz statt. „Das Kuriose war, dass wir uns selber wieder aus dem Keller geholt haben und ordentliche Ergebnisse einfuhren. Wir hatten auch ein Fan-Treffen, bei dem es eine große Aussprache gab“, so Nikol.

Für Außenstehende mag es kurios klingen, dass die Spieler selbst nach so einer Aktion zum Austausch bereit waren, doch Nikol erklärt: „Auch wenn es schwerfällt, musst du die Nähe zu den Fans suchen und nahbar sein. Sonst setzt sich der Gedanke bei vielen fest, dass du nur zum Geldabholen kommst.“ Auch nach solchen schlimmen Erfahrungen rät Nikol davon ab, sich abzukapseln – und damit die bestehenden Feindbilder zu verstärken. Dabei sind auch die Vereine in der Pflicht. Nikol spielte auch bei Union Berlin, wo es heute schon als Tabu gilt, eigene Spieler auszupfeifen. „Das war zu meiner Zeit noch anders, da mussten wir uns einiges anhören. Der Klub hat sich erst in den vergangenen Jahren gewandelt.“ Die Berliner zeigen immerhin, wie die Entwicklung eines Vereins verlaufen kann, wenn er mit der breiten Anhängerschaft einen Wertekodex etabliert.


„Fußball ist auch hier ein Spiegel der Gesellschaft. Die gefühlte Machtlosigkeit führt zu Gewalt, weil die Betroffenen keinen anderen Ausweg sehen.“

Hannes Delto, Sport- und Sozialwissenschaftler

In den Köpfen vieler Fans hat sich jedoch offenbar manifestiert, dass die hochbezahlten Spieler Beleidigungen und Bedrohungen qua ihrer herausgehobenen Stellung schlichtweg aushalten müssten. Dieses Phänomen zeigt sich auch bei den erwähnten Ausfällen gegenüber Mandatsträgern, Politikerinnen oder Journalisten. Selbst unter den Spielern ist eine gewisse Akzeptanz für den Unmut bis hin zur Aggression aus der Fanszene vorhanden. Christoph Kramer, späterer Weltmeister und heute bei Borussia Mönchengladbach unter Vertrag, sagte dazu in einem früheren Gespräch über seine Zeit in Bochum: „Wir haben 1:6 in Aue verloren, wurden mit Schneebällen beworfen, die Fans haben uns Schweineköpfe über den Zaun entgegengeworfen, Scheiben eingeschlagen, uns beschimpft und bespuckt – alles zu Recht, weil wir eine unglaubliche Grütze gespielt haben. Das war eine raue und harte Zeit, aber nun einmal lehrreich.“

Wenn aber derlei Aktionen als legitime Reaktion auf sportliche Fehlleistungen durchgehen, können die Grenzen schnell übertreten werden. Das zeigt sich nicht nur im Fußball, sondern auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Beim Sturm auf das Kapitol in Washington oder beim Protest vor dem Berliner Reichstag sah sich die wütende Masse im Recht, weil sie in ihren Augen ja bloß auf die Erniedrigung durch die politisch Handelnden reagierte. „Die Gewalt wird hier als notwendiges Mittel für die Durchsetzung der eigenen Interessen angesehen“, sagt der Sport- und Sozialwissenschaftler Hannes Delto auf Nachfrage. Delto hat an der Universität Bielefeld  zu Gewalt- und Konfliktlagen geforscht und findet: „Fußball ist auch hier ein Spiegel der Gesellschaft. Die gefühlte Machtlosigkeit führt zu Gewalt, weil die Betroffenen keinen anderen Ausweg sehen. Es geht ihnen aber dabei nicht nur darum, andere zu verletzen, sondern auch um Inszenierung und Öffentlichkeit.“

Wie können Opfer geschützt werden?

Wenn Fans den Fußballern die Trikots abnehmen oder ihre Autos demolieren, geht es dabei genauso um Symbolik wie bei den Ausschreitungen in den USA, als sich Eindringlinge im Kapitol an den Politiker-Schreibtischen vergingen oder das Inventar als Trophäen aus dem Gebäude trugen. Das Internet trägt dazu bei, dass sich Massen mobilisieren können – und dassin dieser Dynamik die Skrupel verloren gehen. Einzelne Grenzüberschreitungen hat es immer wieder gegeben: Ob beim Fußball, als ein Freiburger Fan im Jahr 2000 den Bayern-Torwart Oliver Kahn mit einem Golfball bewarf, oder in der Politik, als Bundeskanzler Helmut Kohl im Jahr 1991 von einem Ei getroffen wurde. Heutzutage aber wären die Aufnahmen dieser Würfe wohl als „Memes“ in bestimmten Foren herumgereicht und als Akt der Rebellion gegen die Etablierten gefeiert worden.  

Um die Opfer zu schützen, bedarf es einer Sensibilisierung der Öffentlichkeit: Wo endet die Kritik an Personen der Öffentlichkeit und wo beginnt die Legitimierung von Grenzübertritten gegen sie? Mit dieser Frage müssen sich nicht nur Politikerinnen und Politiker, sondern auch die Verantwortlichen der sozialen Netzwerke auseinandersetzen. Außerdem muss die Präventionsarbeit gestärkt werden, denn durch die Corona-Situation scheint die Hemmschwelle für Gewalt gesunken zu sein. Der Fußball und die Nacht von Gelsenkirchen können hier warnende Beispiele sein, wie die Pandemie und ihre Folgen als Katalysator für die Ausbrüche wirkten.

Denn neben dem gesteigerten Frust in einer angespannten Lebenslage fehlt in dieser Zeit auch der zwischenmenschliche Kontakt, um die Erregung zu besänftigen. Im Alltag können  Freundeskreis, Arbeitskolleginnen oder Nachbarn einwirken – im Fußball sind es andere, eher gemäßigte Fans oder Fanprojekte, die auf gewaltbereite Personen normalerweise Einfluss haben. „Die soziale Arbeit der Fanprojekte als Korrektiv fällt momentan leider komplett weg“, sagt Delto. „Außerdem können die Fans Rückschläge wie einen Abstieg nicht mehr gemeinsam erleiden.“ Die Emotionen wie Wut oder Zorn werden nicht mehr durch das Gemeinschaftsgefühl abgemildert, sondern verstärken sich eher noch durch die sozialen Medien. Vor Corona mögen viele Fans die Spiele im Stadion oder in der Kneipe verfolgt haben, wo die Flüche und Ausbrüche von Einzelnen schneller verhallten. In den sozialen Netzwerken werden sie hingegen aufgenommen, geteilt und potenziert.

Morddrohungen gegen Spieler

Die Berateragentur Sports360 hat kürzlich die Hassbotschaften an die von ihnen betreuten Spieler veröffentlicht, darunter fanden sich schwere Beleidigungen und gar Morddrohungen. Einer der Spieler war Toni Kroos, ebenfalls Weltmeister und Star von Real Madrid, der dazu mitteilte: „Cyber-Mobbing ist ein Problem, das unsere gesamte Gesellschaft betrifft. Was sich einige Menschen hinter anonymen Profilen erlauben, ist weit unter der Gürtellinie, manchmal sogar im strafrechtlichen Bereich.“

Um die (potenziellen) Opfer zu schützen, ist es vor allem wichtig, dass die ersten Grenzübertritte sofort und klar benannt werden – so wie es Toni Kroos und weitere Spieler mit ihrer Botschaft gegen Hasskommentare getan haben. Denn die Bagatellisierung von Beleidigungen im Netz und im Stadion kann eine gewalttätige Eskalation befeuern. Der Mob fühlt sich dann angestachelt und dazu befähigt, seinerseits die Verhältnisse geradezurücken – und autorisiert sich selbst zur „Notwehr“.

Die verbale Gewalt gegenüber Fußballern hat in den vergangenen Jahren zweifelsfrei zugenommen und einzelne Gewaltausbrüche verlaufen extremer – so wie bei den Attacken auf Schalke. Generell sind die Stadionbesuche in Deutschland gerade im Vergleich zu den neunziger und achtziger Jahren allerdings sicherer geworden. Der pro­zen­tuale Anteil der Ver­letzten unter allen Sta­di­on­be­su­chern der ersten beiden Ligen lag in den vergangenen Jahren um die 0,005 Pro­zent. Die Gewalt hat sich auf andere Orte verlagert. Bei sogenannten „Ackermatches“ treffen Hooligans zu verabredeten Schlägereien aufeinander, hierbei tummeln sich in den Gruppierungen mehr und mehr fußballferne Gewalttäter aus der Rocker-, Kampfsport- oder Hooliganszene.

Situation auf Schalke eskalierte

Bei den Gewaltausbrüchen auf Schalke sollen ebenfalls Personen aus der Hooliganszene vertreten gewesen sein, allerdings gehen viele Experten davon aus, dass die Angriffe auf die Spieler nicht geplant gewesen seien.

„Die Fans auf Schalke sind (aber) nicht mit der Intention dahin gekommen, auf die Spieler loszugehen. Die Situation entwickelte wohl eine Eigendynamik“, sagt der renommierte Fanforscher Jonas Gabler auf Nachfrage. Er hat viele Standardwerke zu den Themen Fans und Ultras veröffentlicht. Gabler glaubt nicht, dass die Vorfälle auf Schalke Nachahmer in den Fanszenen finden würden. „Das wird nicht Schule machen. Die Vorfälle dürften auch innerhalb der Ultraszene kritisch diskutiert werden.” Für Gabler und viele andere Beobachter kamen in der Nacht von Gelsenkirchen mehrere Faktoren zusammen, die das Verhalten der Fans nicht entschuldigen, aber erklären können. „Der Absturz von Schalke spielte sich in einer nie dagewesenen Form ab. Der Frust darüber konnte sich nicht im Stadion entladen, es gab keine Möglichkeiten der Interaktion.”

Keine Interaktion, kein Korrektiv durch Fanprojekte, kein Ventil für die Fans durch die sogenannten „Geisterspiele“ ohne Zuschauer, noch dazu die sozialen Medien als Brandbeschleuniger – das alles wurde zu einem toxischen Gemisch. Dieses toxische Gemisch haben auch die Vereinsverantwortlichen auf Schalke unterschätzt – und damit ihre Spieler in Gefahr gebracht.

Mit einer Rückkehr von Zuschauern in die Stadien würde den meisten Fans zumindest wieder die Möglichkeit gegeben, sich auszutauschen, ihre Emotionen zu kanalisieren und auch sich: zu präsentieren und wertgeschätzt zu werden. Der Sozialwissenschaftler Delto sagt: „Die Fans haben jahrelang gesagt: Ohne uns funktioniert der Fußball nicht! Nun mussten sie in der Pandemie mit ansehen, wie alles doch ohne sie weiterlief. Unterschwellig sendete der Betrieb das Signal: Wir brauchen euch nicht!“

Frustration verschärft Diskurs

Eben dieses Signal „Wir brauchen euch nicht“ verschärft auch in anderen Bereichen der Gesellschaft den Ton, wenn manche Gruppen vom Diskurs ausgeschlossen werden (gemäß der zunehmend zu hörenden Parole „Nicht mit Wählern bestimmter Parteien/Protestlern/Linken/Rechten etc. reden!“). Die gefühlte Machtlosigkeit führt bei ihnen zur Gewaltbereitschaft als letztem Mittel, sich Gehör zu verschaffen und ihre Anliegen darzustellen. Das ist keine Entschuldigung für ihr Handeln, aber ein Erklärungsversuch.

Um Opfer zu schützen, hilft hier die Prävention, sprich: Angebote zur Teilhabe und zum Dialog. Auf Schalke hätten sich die Verantwortlichen oder auch Spieler viel früher mit den Fans oder einzelnen Vertretern treffen oder austauschen können, um einen „Showdown“ in der Nacht des Abstiegs zu verhindern. Weiterhin müssen Ansprechpartner und Vermittler, im Fußball sind es die Fan-Projekte, gestärkt werden, damit der Dialog überhaupt stattfinden kann.

Und vor allem dürfen die Opfer nicht dem Mob und seiner Eigendynamik ausgeliefert werden. Schalke hätte auch in der Nacht des Abstiegs noch die Polizei hinzuziehen oder eben das Gespräch mit einzelnen Fan-Vertretern suchen können, so dass die Spieler sich nicht einer Masse der Wütenden gegenüber gesehen hätten. Keine Person der Öffentlichkeit muss sich durch ihren Beruf einem Bußgang (im realen Leben oder im Netz) ausliefern – dieses Problembewusstsein muss wachsen.

Eine komplette Verweigerungshaltung oder Abkapselung, das hat auch der Ex-Dresdner Ronny Nikol klargemacht, kann für die Opfer nicht ratsam sein. Fußballer, Politikerinnen, Künstlerinnen oder Journalisten, so sie ihren Beruf denn weiter ausüben, werden auch weiterhin in der Öffentlichkeit stehen. Nur müssen das Setting einer Begegnung und der Schutz der öffentlichen Personen angepasst werden. Fußballvereine sollten weiterhin den Kontakt zwischen Spielern und Fans ermöglichen, doch wohl nicht mitten in der dunklen Nacht, nach einem Abstieg und ohne Polizeischutz. Das sieht man beim FC Schalke jetzt logischerweise auch. Immerhin entschuldigte sich der Vorstand, arbeitete die Vorkommnisse in einer langen Sitzung auf und bot seinen Akteuren psychologische Betreuung an. Trotz des Schocks entschieden sich alle Spieler dafür, in den restlichen Partien für den Klub aufzulaufen. Die meisten von ihnen aber werden Schalke ohnehin aufgrund des Abstiegs verlassen. Was aber bleibt, ist die schlimme Erinnerung an die Vorkommnisse vor der Arena. So wie es ein Spieler schonungslos gegenüber seinen Bekannten ausdrückte: „Die Verantwortlichen haben uns dem Mob ausgeliefert.“

Ron Ulrich