Freising

Die Sammlerin

Silvia Niedermeier fällt es leicht, andere zu begeistern – auch für die Unterstützung des WEISSEN RINGS in Bayern. 2020 hat sie so viel Spenden für den Verein gesammelt wie nie zuvor.

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Foto: Kathrin Hollmer

Silvia Niedermeiers Arbeit ist im Laufe der Jahre nicht einfacher geworden. Seit 1996 leitet sie die Freisinger Außenstelle des WEISSEN RINGS in Bayern. „Wie viele Vereine spüren auch wir einen Mitgliederschwund“, sagt sie bei einem Spaziergang durch Moosburg. Bußgeldzahlungen, die regelmäßig an den WEISSEN RING gehen, sind im Lauf der Jahre weniger geworden. „Es gibt immer mehr gemeinnützige Vereine, die natürlich auch Unterstützung brauchen.“ Trotzdem hat Silvia Niedermeier im vergangenen Jahr für den WEISSEN RING 21.000 Euro Spenden gesammelt, so viel wie noch nie zuvor.

Am Anfang, erinnert sich Silvia Niedermeier, kamen im Jahr zwischen 1.000 oder 2.000 Euro zusammen, in einem Jahr sogar nur ein paar hundert Euro private Spenden. „Damals kannte niemand in der Gegend den WEISSEN RING“, sagt sie. Niedermeier und ihr Team stellten sich bei der Polizei vor, bei Hilfsorganisationen wie dem Frauenhaus in Freising, bei der Diakonie, Caritas und der Katholischen Fürsorge und in Zeitungsredaktionen und verteilten Flyer. Bei Veranstaltungen wie der Ehrenamtsbörse in Freising standen sie am Infostand und klärten über die Aufgaben des Vereins auf. Sie begannen, Vorträge an Schulen zu halten, in Seniorenheimen, Pfarrämtern und Vereinen. „Wir haben damals Pionierarbeit geleistet“, erzählt Silvia Niedermeier, die immer „wir“ sagt, wenn sie von ihrer Arbeit spricht. „Ich bin keine Einzelkämpferin“, erklärt sie.

Zum WEISSEN RING kam Niedermeier, als die Zentrale 1995 in einer Zeitungsannonce Ehrenamtliche suchte, die vor Ort eine Außenstelle aufbauen. Den Verein kannte sie bereits durch die Arbeit ihres Mannes bei der Polizei. „Die Beamten leisten in erster Linie Täterarbeit“, sagt Niedermeier. „Um die Betroffen hat sich damals fast niemand gekümmert.“

Die Grenzen der Belastbarkeit

Mit sechs weiteren Ehrenamtlichen betreut sie seitdem Opfer von Kriminalität im Landkreis Freising. Knapp 180.000 Einwohner leben in 24 Gemeinden, darunter die Städte Moosburg, Freising und der Flughafen in Hallbergmoos. Opfer von Straftaten melden sich direkt bei Niedermeier, manchmal stellt die Polizei den Kontakt her. Die Ehrenamtlichen vom WEISSEN RING begleiten Opfer oft über Wochen oder Monate. „Manchmal geht es an die Grenze der Belastbarkeit“, sagt Niedermeier, besonders wenn Kinder oder Jugendliche betroffen sind, es um sexuelle Gewalt geht, brutale Raubüberfälle oder Straftaten gegen Senioren.

Fragt man nach ihrem härtesten Fall, antwortet sie: „Da waren ein paar.“ Mit am schwersten sei 2002 der Amoklauf an der Wirtschaftsschule in Freising gewesen. Die ersten Monate konnte sie nach Gerichtsterminen und Treffen mit Opfern schwer abschalten, erinnert sich Niedermeier. Innerhalb ihrer Familie spricht sie nicht über die Arbeit für den WEISSEN RING, um sie nicht zu belasten, und wegen der sensiblen Informationen über Opfer und Täter. Umso wichtiger sind für sie die Gespräche im Team. Einmal im Monat treffen sich alle Ehrenamtlichen im Landkreis und sprechen über Organisatorisches, aber auch über Fälle, die sie belasten.

Tausend Opfer

Meistens betreut Niedermeier mehrere Opfer parallel. 2018 hat sie außerdem ein Netzwerk aus verschiedenen Hilfsorganisationen vor Ort mitgegründet, die in Zukunft bei Großlagen zusammenarbeiten. In ruhigeren Wochen kümmert sie sich um Abrechnungen, Berichte für die Bundesgeschäftsstelle und Öffentlichkeitsarbeit, doch ruhige Wochen sind selten.

In den fast 25 Jahren, die sie im Amt ist, hat Silvia Niedermeier hunderte Opfer betreut, „vielleicht auch mehr als tausend“, sagt sie. „Wenn ich etwas erreichen will, muss ich auf die Menschen zugehen und berichten.“ Schon in ihrem früheren Beruf als Personalerin bei einer Bank hatte sie immer mit Menschen zu tun, es fällt ihr leicht, andere zu begeistern und sich, wenn nötig, bei Institutionen und Anwälten durchzusetzen. Gleichzeitig ist sie sensibel, kann gut zuhören, auch im Gespräch ist sie zugewandt und ehrlich interessiert. Obwohl sie lieber selbst anpackt, weiß sie, dass es sich lohnt, über ihre Erfolge und die ihres Teams zu sprechen – weil es den Opfern zugutekommt, und das ist, was für sie zählt.


„Wenn die Polizei vor Ort Opfern empfiehlt, sich bei uns zu melden, wissen sie, dass das nicht untergeht. Dass wir uns wirklich kümmern.

Silvia Niedermeier

Im Landkreis bekannt

Regelmäßig besucht Silvia Niedermeier die Lokalredaktionen der Moosburger Zeitung und des Freisinger Tagblatts und berichtet anonym über Fälle aus der Region, hält Kontakt zu Redaktionsleitungen und Redakteure und Redakteurinnen. Der WEISSE RING bekommt jedes Jahr einen Teil der Spenden, die die Zeitungen zu Weihnachten für Menschen in Not sammeln.

Auch mit lokalen Vereinen wie dem Frauentreff Freising und Tante Emma e. V. in Moosburg, der Menschen in schwierigen Verhältnissen ehrenamtlich berät, ist man im Austausch. In Aktion überzeugen Niedermeier und ihr Team. Richter sehen, wie sie sich um Betroffene kümmern, und lassen dem Verein einen Teil der Bußgeldeinnahmen zukommen, die sie an gemeinnützige Vereine verteilen dürfen.

Mit Tante Emma e. V. verbindet sie auch ein gemeinsamer Fall, seitdem spendet der Verein regelmäßig an den WEISSEN RING. Im ganzen Landkreis kennt und schätzt man ihre Arbeit. „Wenn die Polizei vor Ort Opfern empfiehlt, sich bei uns zu melden, wissen sie, dass das nicht untergeht“, sagt sie. „Dass wir uns wirklich kümmern.“ Die Polizei Moosburg veranstaltet jedes Jahr einen Weihnachtsbasar, die Hälfte der Einnahmen geht an den WEISSEN RING.


„Niemand ist gern Opfer und soll auch nicht ein Leben lang Opfer bleiben.

Silvia Niedermeier

Corona erschwert die Arbeit

Spendengelder werden an Opfer als wirtschaftliche Hilfe ausbezahlt, für Familien mit Kindern auch als Ferienhilfe, außerdem für Anwälte, Verfahrenskosten und Therapien eingesetzt. Ein Büro hat die Außenstelle nicht. „Das Geld soll zu 100 Prozent den Opfern zugutekommen“, sagt Niedermeier. „Das ist auch der Grund, warum ich mich hier schon so lange engagiere.“ Die schönsten Momente sind für Silvia Niedermeier, wenn sie spürt, dass ein Opfer, oft nach der Gerichtsverhandlung, wieder Zuversicht gewinnt. „Wenn sie wieder ins Berufsleben einsteigen, nach vorne schauen, wieder Vertrauen in sich selbst fassen“, sagt sie. „Niemand ist gern Opfer und soll auch nicht ein Leben lang Opfer bleiben.“

Corona hat Silvia Niedermeiers Arbeit einmal mehr erschwert. Eine Weile lang konnte sie Opfer nur telefonisch betreuen, im Sommer, als die Kontaktbeschränkungen gelockert wurden, traf sie manche auf einen Spaziergang statt zu Hause. Pandemiebedingt sind auch die Spenden in diesem Jahr zurückgegangen. Veranstaltungen und Vorträge mussten abgesagt werden, gegen Jahresende bringen normalerweise die Weihnachtsmärkte in der Region Spenden ein. In welchem Rahmen sie dieses Jahr stattfinden können, ist ungewiss. Silvia Niedermeier hofft auf die Spendenaktionen von
Vereinen und in den Zeitungen in der Vorweihnachtszeit.

Kathrin Hollmer