Bochum

Der Kümmerer

Schnelle, unbürokratische Hilfe leisten – das ist es, was Herbert Weber vor mehr als 40 Jahren wollte, als er als Ehrenamtlicher zum WEISSEN RING kam. Über seine Erfahrungen könnte er Bücher schreiben, sagt er.

Weiterlesen

Foto: Tobias Großekemper

Damals, 1978, als ein Pole namens Karol Wojtyla in Rom zu Johannes Paul II. wurde, was hier nur wichtig ist, um zu verstehen, wie lange das jetzt schon wieder her ist, machte sich Herbert Weber aus Bochum auf seinen ersten Weg, um an fremden Haustüren zu schellen. Er wollte damals etwas bringen, was so noch keiner kannte, weil es das bis dahin noch nicht gab: Hilfe, schnell und unbürokratisch.

„Es kam“, sagt Weber, den man schnell Herbert nennen darf, wir sind hier im Ruhrpott, „öfter vor, dass die Menschen dachten, ich wollte ihnen eine Versicherung verkaufen.“ Wenn es Wüstenrot gibt, warum sollte da ein WEISSER RING nicht auch versichern wollen? Kannte ja kaum jemand, ach was, eigentlich überhaupt niemand diese Organisation.

Heute, im Frühherbst 2020, sitzt Weber in seinem Wohnzimmer am Rand der Bochumer Innenstadt. Aufgeräumt, der Rücken gerade. Seinem Gegenüber zugewandt, die Stimme tief und ein Blick, der etwas ausstrahlt: Hier sitzt jemand, der mit seinen 73 Jahren erstens schon einiges gesehen hat und somit schwer zu überraschen ist. Und dem man zweitens ein X nicht für ein U verkaufen kann.

„Da machste mit“

Eigenschaften, die Weber damals mit Sicherheit halfen, klarzumachen, dass er nicht von einer Versicherung kam. Was natürlich auch geholfen haben wird, war die Tatsache, dass Weber Polizist war. Aber auch nicht immer. Einmal zeigte er zur Legitimation seinen Dienstausweis, auf dem Foto hatte er aber, anders als in dem Moment, keinen Schnäuzer. Was zu Fragen führte. Aber auch das bekam Weber hin.

Zum RING kam Weber an einem Samstag. Zusammen mit seiner Frau ging er durch die Innenstadt, da sah er einen Kollegen aus dem Präsidium an einem Infostand stehen. WEISSER RING, das hatte auch Weber bis dahin noch nie gehört, aber die Idee dahinter, die fand er gut: „Als Polizist, das ist ja kein Geheimnis, konnte man den Opfern nicht so gut helfen, wie man das eigentlich wollte.“ Es gab Situationen, da sammelten die Kollegen mal für ein Taxi, wenn eine Frau nicht wusste, wie sie nach Hause kommen sollte – aber ausgereift war das nun wirklich nicht und hier, an diesem Infostand, war Weber schnell klar: „Da machste mit.“

Weber (links) gemeinsam mit einem Kollegen aus dem Präsidium Bochum in seinen Anfangsjahren beim WEISSEN RING ∙ Foto: Privat
Weber (links) gemeinsam mit einem Kollegen aus dem Präsidium Bochum in seinen Anfangsjahren beim WEISSEN RING ∙ Foto: Privat

Trotz einer Ehe, den zwei Töchtern und einem beruflichen Leben als Dienstgruppenführer. Was Weber damals nicht wusste, heute aber gelassen aussprechen kann: „Der WEISSE RING ist ganz schön fordernd.“ Die Familie habe gelitten, die Töchter seien manches Mal zu kurz gekommen, und „wenn ich damals gewusst hätte, was da auf uns zukommt, hätte ich es nicht gemacht.“ Sagt Weber in seinem Wohnzimmer.


„Und diese Freude dann, dieses Strahlen in den Augen – das werde ich nie vergessen.

Herbert Weber über seinen ersten Fall

Jetzt war er dabei, und nach einem ersten Treffen in einer Privatwohnung, sechs, vielleicht sieben Leute waren dort, fuhr Weber dann zu seinem ersten Fall als ehrenamtlicher Mitarbeiter. Bottrop, westlicher Rand des Ruhrgebiets, „damals war die Region noch ein weißer Fleck für den RING, wir bearbeiteten damals aus Bochum den Kreis Recklinghausen mit, dazu Gelsenkirchen, Herne, Witten und Bottrop.“ Für Menschen, die das Ruhrgebiet nicht kennen, mag das alles eins sein, aber sie unterschätzen dann schlicht, wie groß dieser Ballungsraum tatsächlich ist.

Bottrop also, Weber fuhr mit einem Ingenieur mit, der ebenfalls beim RING war. Missbrauch einer 15-Jährigen durch den nicht mehr in der Familie lebenden Vater. „Das Mädchen hat sich damals nichts sehnlicher als ein Fahrrad gewünscht, und wir haben das geholt. Das Mädchen hat dann gleich eine Probefahrt gemacht, und diese Freude dann, dieses Strahlen in den Augen – das werde ich nie vergessen. Auch weil es mein erster Fall war.“

Wer Weber nach den Fällen fragt, die er so betreute, bekommt ein Schulterzucken und die Antwort, dass er darüber Bücher schreiben könnte. Ihm half es, Polizist zu sein, „da kannte ich ja so einiges“. Aber nicht nur, denn als Polizist ist man kritisch von Berufs wegen, hinterfragt, zweifelt: Stimmt das alles so, wie es einem gesagt wird? Als RING-Mitarbeiter musste Weber etwas anderes erst noch lernen: „Du bist für das Opfer da, immer und nur. Was das Opfer will, dafür musst du einstehen.“

Eine wesentliche Erkenntnis

Wenn Weber über seine Fälle Bücher schreiben könnte, wäre das über Opfer vermutlich eine Enzyklopädie – so sprudelt es aus dem ehemaligen Beamten heraus, wenn dieses Thema zur Sprache kommt. Opfer seien in Ausnahmesituationen, von jetzt auf gleich an Leib und Seele geschädigt, wie sollen die denn, fragt Weber dann auch nur rhetorisch, rational denken, selbstständig handeln, eigeninitiativ Anträge stellen, sich schlicht nur wehren? Im Laufe der nächsten Minuten kommen Sätze aus Weber heraus, die man, wenn nicht in Stein meißeln, so doch hinter diverse Ohren schreiben sollte.

Zum Beispiel: „Wir, die Mitarbeiter, sind die ersten Therapeuten, die vor Ort sind, die als erste Fremde zuhören, die uneigennützig Hilfe anbieten.“

Oder auch: „Der WEISSE RING stellt die Sozialarbeiter für die Opfer, was ja eigentlich der Staat machen müsste – da der es nicht tut, müssen wir da sein.“ Die wesentliche Erkenntnis, „und das sage ich nicht als Therapeut, ich bin ja keiner“, ist, wie verheerend Missbrauch in Kinder- und Jugendzeiten ein Leben auf lange Sicht beeinflussen kann. Wie also erwachsene Männer weinend dasitzen und erst irgendwann verstehen, dass ihr arbeitsreiches Leben, das nach außen hin wie ein Erfolg aussah, letztlich eine einzige Flucht vor den Ereignissen aus Kindertagen war. Überhaupt, die Sicht auf jeden einzelnen Fall und jedes einzelne Opfer. Eine Sicht, die anerkennt, dass die Menschen verschieden und Sätze wie „Jetzt muss es aber auch mal langsam gut sein!“ nichts sind. Nichts als dumme Sprüche. Und wie andererseits er, Weber, erkannt hat, dass sich viele Wunden nicht schnell schließen lassen. „Aber irgendwann kann man gemeinsam wieder etwas Land sehen. Oder ein Lächeln.“ Kurzes Schweigen. „Und dann geht dir das Herz auf.“


„Wir vor Ort wissen doch am besten, was gebraucht wird.

Herbert Weber

Nicht nur goldene Momente

Es gab nicht nur die goldenen Momente, die Belastung nahm zu, am Anfang, wenn Weber manchmal nach der Nachtschicht gemeinsam mit einem Kollegen zu einem Fall fuhr. Dann sehr schnell dadurch, dass Weber Außenstellenleiter des WEISSEN RINGS wurde, dazu die Öffentlichkeitsarbeit am Wochenende mit einem selbstgezimmerten Infostand, viel Überzeugungsarbeit und gelegentlicher Spendenakquise. Opfer riefen daheim an, dann wurde ein Anrufbeantworter angeschafft. „Das war“, sagt Weber, „einfach ziemlich viel damals.“ 1997 hörte Weber als Außenstellenleiter auf, nach seiner Pensionierung dann übernahm er wieder Fälle, was er heute noch tut. „Nicht zu viele, unsere Außenstellenleiterin teilt das klug ein.“

Heute ist der WEISSE RING größer als damals in den Anfängen, als zu Mitgliederversammlungen noch per Aufruf in der Mitgliederzeitschrift eingeladen und dann abends in Mainz gemeinsam im Hotelzimmer gesessen wurde. Eduard Zimmermann, Polizeipräsidenten und dazwischen Herbert Weber. „Da konnte ich, der Kommissar, einfach erzählen, was mir durch den Kopf ging.“ Wieder ein kurzes Schweigen, dann: „Da war natürlich auch Bauchpinselei im Spiel.“ Lächeln. Vergangenheit. Die ist ja eh immer goldener als die Gegenwart, erst recht als die Zukunft, aber Weber ist nun weiß Gott schon lang genug dabei, um eine fundierte Meinung zu haben.

Die Bürokratie wächst

Also, was ist heute? Heute ist Weber froh, dass es den WEISSEN RING gibt. „Gut, dass der Zimmermann den damals gegründet hat, die Gesellschaft braucht die große Organisation, die sie heute ist, sie bringt und gibt der Gesellschaft etwas.“ Aber? „Weißt du, damals hat mich beim WEISSEN RING sofort überzeugt, dass wir schnell und unbürokratisch helfen konnten.“ Früher, sagt er, sei es einfacher gewesen, bei den Opfern etwas für die Seele zu tun, eine Waschmaschine zu kaufen oder eine Wochenendfahrt zu organisieren. Irgendetwas, das hilft. „Wir vor Ort wissen doch am besten, was gebraucht wird.“ Doch es hilft nichts, die Organisation wuchs, mit ihr die Verantwortung und die Verwaltung, die Bürokratie. Wenn man so will, fehlt Herbert Weber vielleicht ein wenig die Leichtigkeit des Anfangs. „Wir sind halt groß geworden.“

In diesem Großwerden, das Weber jetzt mehr als 40 Jahre erlebt hat, hat er, auch das muss geschrieben werden, zwar viel gegeben – aber auch bekommen. „Was ich allein an Leuten kennengelernt habe, wie das meinen Horizont erweitert hat.“ Im Opferentschädigungsgesetz könnte er einen Anwalt ersetzen, geschult hat er, organisiert und gemacht. Und damit das erhalten, was jeden Menschen antreibt: das Gefühl, gebraucht zu werden, für andere notwendig zu sein.

„Herbert?“
„Ja?“
„Du hattest am Anfang des Gespräches erwähnt, dass du, wenn du gewusst hättest, was auf dich zukam, es gelassen hättest.“
„Ja?“
„Ich glaub dir das nicht.“
Schweigen. Lächeln. Dann: „Wenn heute damals wäre und ich wieder durch die Innenstadt gehen würde und da wäre dieser Stand – ich würde wieder anfangen. Es war einfach notwendig.“

Tobias Großekemper