Hass und Hetze

Dammbruch auf dem Campingplatz

Alice und Enno Saathoff, Betreiber eines Campingplatzes in Ostfriesland, wollten in der Corona-Krise etwas Gutes tun. Mit dem, was dann geschah, hätten sie nie gerechnet: Sie erlebten Hass, Hetze und Bedrohung.

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Foto: Karsten Krogmann

Dies ist vielleicht nicht das Ende der Welt, aber das Ende Deutschlands, das darf man sagen. Hinterm Campingplatz liegt der Deich, hinterm Deich sieht man links die Niederlande und ansonsten bleigraue Nordsee. Wer hier, vorm Deich, Urlaub macht, sucht Ruhe, keinen Luxus. „Wir haben nicht fünf Sterne, wir haben tausend Sterne“, sagt Enno Saathoff gern, der den Campingplatz mit seiner Frau Alice betreibt, „oben am Himmel.“

Der Campingplatz ist geschlossen, weil Winter ist, weil Corona ist, zu ist er so oder so. Nur in der dazugehörigen Ferienwohnung wohnen ein paar Monteure, die in Ostfriesland auf Montage sind. Vom Montieren kommt auch Enno Saathoff, als er ins Haus stapft. Draußen läuft eine Pumpe nicht ordentlich, das muss repariert werden. Für so etwas kann eine Winter- oder Coronapause prima genutzt werden. Saathoff, 64 Jahre alt, ist ein großer, kräftiger Ostfriese, dem man eines sicherlich nicht nachsagen kann, dass er einen robusten Witz ungesagt ließe. „Heute erst habe ich meiner Frau ein Kompliment gemacht“, posaunt er in die Küche. „Ich habe zu ihr gesagt: ‚Du hast einen tollen Mann!” Saathoff grinst, seine Frau Alice, 39 Jahre alt, rollt die Augen und grinst dann auch – Enno halt.

Enno Saathoff hat eine Idee

Ein Thema gibt es aber, das Enno ernst werden lässt: Politik. Nachrichten machen ihn nachdenklich. So auch die Nachrichten über das Coronavirus. Verflixt, dachte Enno, das ist schlimm, was können wir dazu beitragen, dass es ein bisschen besser wird? „Ich bin ein kleines Licht“, sagt Enno Saathoff über sich selbst, „Klein-Enno hinterm Deich“. Aber er hatte eine Idee, wie der kleine Campingplatz Dyksterhus, kaum größer als ein Hektar, zur Eindämmung des Coronavirus beitragen könnte: Er würde einfach die Nutzung der Corona-Warn-App verpflichtend vorschreiben. Wer bei den Saathoffs vorm Deich Urlaub machen möchte, muss vorher die App installiert haben – so einfach. Das
schützt die Urlauber, das schützt die Ostfriesen, das schützt Enno Saathoff, seine Frau, die Kinder. „Und wer das nicht möchte, der darf sich gern irgendwo anders einen schöneren Campingplatz aussuchen.“ So dachte Enno Saathoff.

Das war im Sommer, der Campingplatz hatte im ersten Lockdown zunächst zwei Monate geschlossen, dann durfte er teilweise wieder öffnen: zunächst 50 Prozent der Plätze, dann 80. Saathoff meldete sich bei der nahen „Ostfriesen-Zeitung“, um seine Idee vorzustellen. Die Zeitung fand die Idee spannend, das hatte ja noch keiner gemacht. Die Deutsche Presseagentur fand die Idee ebenfalls spannend, als sie in der „Ostfriesen-Zeitung“ davon las, und streute die Meldung deutschlandweit. Andere Zeitungen druckten die Meldung, das Radio berichtete, das Fernsehen kam. Enno Saathoff fand das gut. „Vielleicht springen ja auch andere Leute auf die Idee an“, hoffte er.

Eine Welle des Hasses

Es sprangen tatsächlich Leute auf seine Idee an – aber ganz anders, als Enno sich das vorgestellt hatte.

„Bei Menschen wie Ihnen kann ich einfach nur noch kotzen“, schrieb „Name: Geht Sie nix an“ per E-Mail. „Anständige Menschen meiden Ihren Dreckscampingplatz, und ich wünsche Ihnen aus tiefstem Herzen die Insolvenz, Stasi-Saathoff!“

„Ich muss sagen: Die Nazis und die Stasi wären stolz auf Sie gewesen“, schrieb „Wolfgang“.

„Menschen wie Sie werden zusammen mit Drosten und unseren korrupten Politikern wegen Verrat am deutschen
Volk demnächst angeklagt und für immer weggesperrt!!!!!!!!!!“, schrieb „Bkopp“.

„Stimmt es, dass sich morgens alle auf dem Platz aufstellen und mit ausgestrecktem Arm die App zeigen?“, fragte „Adolf“.

Ausgestreckter Arm? Enno macht einen Enno-Witz, bitter deutet er einen krummen Nazigruß an. „Weißt du, was das in Ostfriesland heißt? Das heißt: So hoch ist das Gras in Nachbars Garten“ – Alice grinst nicht.

Eine Welle des Hasses schlug Enno und Alice Saathoff entgegen. Ihr Campingplatz wurde vielfach negativ bewertet im Internet. Foto: Karsten Krogmann
Eine Welle des Hasses schlug Enno und Alice Saathoff entgegen. Ihr Campingplatz wurde vielfach negativ bewertet im Internet. Foto: Karsten Krogmann

Die Wut trifft die Kinder

Hunderte Hass-Mails sind es, die die Familie erreichen. Schlimmer aber sind die Anrufe. Das zweite Kind, sechs Jahre alt, rennt so gern zum Telefon. Dort wird es beschimpft, muss sich anhören, dass seine verbrecherischen Eltern hoffentlich bald pleitegehen. Die Eltern untersagen dem Mädchen, ans Telefon zu gehen. Bald heben sie auch selbst nicht mehr ab, schon gar nicht bei unterdrückter Rufnummernanzeige. Einmal geht Enno doch ran, die Nummer ist zu sehen. Ein Mann stößt wüste Drohungen aus, Familie Saathoff gehöre umgebracht.

Die Landesbeauftragte für den Datenschutz in Niedersachsen meldet sich und fordert eine Stellungnahme ein. Es geht um die Frage, ob die App-Verpflichtung möglicherweise gegen datenschutzrechtliche Vorgaben verstößt. Zuvor waren Beschwerden bei der Behörde eingegangen. Ein Sprecher versichert später auf Nachfrage, dass man nach der umfangreichen Medienbericht-erstattung eine Prüfung auch ohne Beschwerde eingeleitet hätte. Alice Saathoff beantwortet alle Fragen. In einem späteren Schreiben bestätigt die Landesbeauftragte, dass kein Verstoß vorliege, „von einer Gebührenerhebung sehe ich ab“.

Hass erreicht die Familie nicht nur per E-Mail oder Telefon. Etliche Menschen geben im Internet negative Bewertungen des Campingplatzes ab. Menschen aus allen Teilen Deutschlands, die noch nie in Ostfriesland waren, schon gar nicht in der Krummhörn. Menschen, die noch nie campen waren. Menschen, die sich „Kim Jong Un“ nennen oder „Tip Top“, geben nur einen von fünf Sternen. Von 3,8 Sternen rutscht der Campingplatz Dyksterhus auf 2,6 ab. „Und wir können uns nicht dagegen wehren“, sagt Enno Saathoff, „das lässt sich ja nicht löschen.“ Lässt sich ein wirtschaftlicher Schaden beziffern? „Nein“, meint seine Frau, „die Saison ist ja ohnehin kaputt, wegen Corona.“ Osterfeuer, Boßeln, Aalräuchern, alles musste ausfallen in diesem Jahr. Nicht einmal die Karnevalsflüchtlinge durften kommen, es gab ja keinen Karneval.

Dies ist nicht das Ende der Welt? Zwischenzeitlich fühlte es sich so an.

Die schlimmsten E-Mails druckte Enno Saathoff aus und zeigte sie einem Polizisten – man kennt sich in der Krummhörn. Der Polizist riet ihm von Strafanzeigen ab, das bringe sowieso nichts. Aber der Bedroher am Telefon, beharrte Enno, der müsse doch verfolgt werden, seine Frau sei Zeugin des Gesprächs! Dank der angezeigten Telefonnummer konnte der Anrufer ermittelt werden. Im November kam dann Antwort von der Staatsanwaltschaft. Ein öffentliches Interesse an einer Strafverfolgung könne nicht festgestellt werden, der Beschuldigte sei nicht vorbestraft, die Tathandlung nicht so schwerwiegend, hieß es.

Unterstützt vom Staat? „Nein.“

„Wir haben es überlebt“, sagt Enno Saathoff heute. Wenn er jetzt, mit dem Wissen von heute, die Uhr zurückdrehen könnte, würde er die Sache mit der Corona-Warn-App noch einmal machen? „Nein“, sagt Alice Saathoff bestimmt. „Doch, schon aus Boshaftigkeit“, beharrt Enno stur. Überzeugend klingt er nicht.

Da gibt es eine App, auf den Weg gebracht und massiv beworben von der Bundesregierung. Die Betreiber eines privatwirtschaftlich betriebenen Campingplatzes nehmen die App ernst, sie machen ihre Nutzung zur Bedingung für freiwillig anreisende Gäste, sie bewerben die App und ihre Nutzung. Dann bricht Hass aus gegen sie. Morddrohungen werden ausgesprochen. Die Datenschutzbeauftragte mischt sich ein. Hat sich Familie Saathoff hinreichend geschützt und unterstützt gefühlt vom Staat und seinen Organen?

„Nein“, sagt Alice.

„Nein“, sagt auch Enno, „ein ganz klares Nein.“

Karsten Krogmann