Auf dem Platz

Ständig bricht auf Fußballplätzen Gewalt aus – Spieler treten aufeinander ein, Unparteiische werden geschlagen und müssen unter Polizeischutz fliehen.
90 Minuten mit einer Schiedsrichterin in der westfälischen Provinz.

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Foto: Moritz Küstner

Das Spiel ist seit wenigen Minuten vorüber, Lisa Glowatzki löst sich aus dem Kreis der Spieler und Trainer, der sie an der Mittellinie umfangen hat, und geht zu ihrem Vater, der am Spielfeldrand auf sie wartet.

„Deine Entscheidung war mutig“, sagt er. „Was soll ich machen?“, fragt sie und hebt leicht die Schultern. „Ich habe es so gesehen. Dann muss ich es so pfeifen.“

Sie lehnt sich an die Abgrenzung, verschränkt die Arme auf der Stange. Von hinten nähern sich einige der Spieler und Trainer, die sie eben an der Mittellinie abgeschüttelt hat. Sie sind noch nicht fertig mit ihr, Glowatzki sieht nicht, wie sie kommen. Eine Freundin von ihr, die auf der anderen Seite der Abgrenzung steht, rückt zu ihr.

„Du fährst jetzt besser schnell nach Hause und ziehst dich dort um“, sagt sie zu Glowatzki. Man wisse ja nie, was passiere.

Immer wieder Gewalt gegen Schiedsrichter

Lisa Glowatzki ist 23 Jahre alt, eine große schlanke Frau mit langem blondem Haar, die von montags bis freitags und manchmal am Samstag im Bagger- und Fuhrbetrieb ihres Vaters arbeitet und sonntags Fußballspiele in der Gegend zwischen Paderborn und Bielefeld pfeift. Das hört sich harmlos an, ist es aber nicht: Immer wieder kommt es in Amateur-Ligen zu schweren Ausschreitungen, oft sind davon Schiedsrichter betroffen.
Eine Auswahl:

Am 6. Mai 2018 wird ein Schiedsrichter bei einem Spiel zwischen dem SC Hertha Aisch und der Zweitvertretung der Spielvereinigung Jahn Forchheim so heftig attackiert, dass er bewusstlos zu Boden geht.

Am 24. Mai 2018 schlagen bei einem Kreisligaspiel in Gelsenkirchen mehrere Männer auf einen Schiedsrichter ein. Ein Mann trifft den 21-Jährigen mit der Faust am Kopf; während der in die Kabine flüchtet, prasseln weitere Schläge auf ihn ein.

Am 26. September 2018 wird ein Schiedsrichter in Rheinberg mit solcher Aggressivität von einem Spieler attackiert, dass er zunächst das Spiel abbricht und dann ins Krankenhaus fährt, um sich dort behandeln zu lassen.

Einen Monat später, am 28. Oktober 2018, treten und schlagen Spieler in einer Kölner Kreisliga auf den am Boden liegenden Schiedsrichter ihres Spiels ein. Auch er muss ins Krankenhaus.

Am 10. März 2019 muss die Begegnung zwischen den Kreisligisten SV Rhenania Bottrop und SG Osterfeld III abgebrochen werden. Ein Spieler hatte die Rote Karte gesehen, anschließend war der Schiedsrichter angegriffen worden.

Attacken gegen Spielleiter*innen sind zur Norm geworden

Diese Liste ist wahllos und bei Weitem nicht vollständig. Die Angriffe auf die Unparteiischen sind Teil eines größeren Problems. Der Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen, in dessen Bereich Lisa Glowatzki als Schiedsrichterin unterwegs ist, meldete, dass allein in Westfalen an jedem Wochenende etwa 80 Spiele wegen Gewalt abgebrochen werden müssen. Schlägereien in Amateur-Ligen und Attacken auf Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen, so der Verband, seien zur Regel geworden.

„Obwohl es immer noch Vereine gibt, bei denen man nett empfangen wird, ist es eindeutig schlimmer geworden in den vergangenen Jahren“, sagt Glowatzki. „Da überlegt man schon, ob es einem überhaupt noch Spaß macht.“

Die ganze Wahrheit erzählt sie lieber nicht

Glowatzki steht neben ihren Eltern am Rand eines Kunstrasenplatzes in Steinheim nahe Paderborn, in wenigen Minuten beginnt das Spiel zwischen dem TSC Steinheim und der SV Dringenberg, das Glowatzki pfeifen wird. Der Platz ist leer, die Spieler sind in der Kabine verschwunden, um sich ihre Trikots überzuziehen. Glowatzki unterhält sich mit ihrem Vater, der sie zu jedem Spiel begleitet. Im Notfall, sagt er, könne er dann eingreifen.

Fußball-Schiedsrichterin Lisa_Glowatzki
Lisa Glowatzki, 23 Jahre alt, arbeitet im Baggerund Fuhrbetrieb ihres Vaters und
pfeift sonntags Fußballspiele in der Gegend zwischen Paderborn und Bielefeld. Foto: Moritz Küstner

Ein Mann stellt sich vor Glowatzki und unterbricht das Gespräch mit ihrem Vater. Er sei Lokalreporter, sagt der Mann, und wolle wissen, mit welchem Respekt Glowatzki in so ein Spiel reingehe. Immerhin sei das ein Derby, zumal noch eins, in dem eine Mannschaft komplett aus Spielern mit türkischem Hintergrund bestehe. Und deren Mentalität kenne man ja.

Mit nicht so viel Respekt, sagt Glowatzki, sie habe beide Mannschaften schon mal gepfiffen, das mache es einfacher.

Der Lokalreporter zieht von dannen, die ganze Wahrheit hat Glowatzki ihm nicht erzählt. Normalerweise, sagt sie wenig später, sei sie keine allzu strenge Schiedsrichterin, mit Verwarnungen warte sie gern lange. Doch heute könne es knallen, heute müsse sie von Anfang an hart durchgreifen.

Aus einer Fußballerfamilie

Sie zieht ihre Trainingsjacke aus, ein pinkfarbenes Schiedsrichtertrikot kommt zum Vorschein. Aus einer Box unter der Tribüne, die aus ein paar Betonstufen, einem Dach und einer graffitibesprühten Wand besteht, breitet sich Deutsch-Rap über den Platz aus. Ein Mann legt Würste auf den Grill, Rauch steigt auf und sammelt sich unter dem Tribünendach. Die Tribüne hat sich inzwischen gefüllt, die Männer haben sich um den Grill versammelt, die Frauen eine Bierbank geholt und sie auf der obersten Betonstufe abgestellt.

„Dann wollen wir mal“, sagt Glowatzki. Sie geht los, es ist 14.57 Uhr.

Glowatzki stammt aus einer Fußballerfamilie, als Elfjährige fing sie selbst zu spielen an, vor acht Jahren begann sie, weil ihre ramponierten Knie das Fußballspielen eine Zeit lang unmöglich machten, das Schiedsrichtern – wie ihre Tante, die laut Glowatzki die erste Schiedsrichterin im Kreis Detmold war und bis heute Spiele leitet.

Nach der ersten Roten Karte wird sie von wütenden Spielern verfolgt

Glowatzki absolvierte einen einwöchigen Lehrgang, bestand eine Prüfung, dann wurde sie zu ihren ersten Spielen geschickt. Schnell wurde ihr klar, was sie erwarten würde: Bei ihrem sechsten oder siebten Spiel, einem Pokalspiel bei den C-Junioren, verwies sie einen Torwart mit einer Roten Karte des Feldes. Anschließend, so erinnert sie sich, wurde sie von wütenden Spielern und Trainern der bestraften Mannschaft verfolgt. Von ihrem Vater und Trainern der anderen Mannschaft geschützt, musste sie vom Platz begleitet werden.

Glowatzkis Mutter beschloss daraufhin, erst einmal keine weiteren von ihrer Tochter geleiteten Spiele anzuschauen. Lisa Glowatzki selbst ließ sich nicht abschrecken.

Die Mannschaften laufen jetzt ein, als spielten sie Bundesliga: Glowatzki – pinkfarbenes Trikot, pinkfarbene Nägel, pinkfarbenes Haarband, pinkfarbene Pfeife – vorweg, hinter ihr die Spieler, links die des TSC Steinheim, rechts die der SV Dringenberg. Es ist der zweite Spieltag nach der Winterpause in der Bezirksliga- Staffel 3 des Westfälischen Fußballverbands. Der Gastgeber TSC Steinheim, Tabellenzehnter, benötigt dringend Punkte, um den Abstieg abzuwenden, der Gast SV Dringenberg, Tabellenvierter, benötigt auch Punkte, aber nicht so dringend – der Abstieg ist schon lange verhindert, und mit dem Aufstieg wird es wohl auch nichts mehr.

Er tätschelt ihren Arm, bevor er davonläuft

Die Mannschaften stellen sich an der Mittellinie auf, klatschen ab, dann: Anstoß. Der Ball landet auf der linken Seite der Steinheimer, der Kapitän nimmt ihn an, dreht sich in einen Gegenspieler, fällt und schreit im Fallen nach einem Freistoß.

Glowatzki entscheidet sich gegen einen Pfiff, der Kapitän läuft auf sie zu. „Eh, eh!“, schreit er und bleibt unmittelbar vor ihr stehen. „Was soll das?“ Glowatzki erklärt ihm etwas, da lacht der Kapitän. Er tätschelt ihren Arm, bevor er davonläuft.

Der Ball ist inzwischen auf der anderen Seite des Spielfelds angekommen, Glowatzki dreht sich und sprintet los. In einem Spiel läuft sie schon mal neun oder zehn Kilometer, sagt zumindest die GPS-Uhr, die sie hin und wieder trägt. Glowatzki hat an diesem Morgen schon 90 Minuten für ihre Damenmannschaft gespielt, eigentlich war nur eine Halbzeit geplant, aber dann verletzte sich eine Spielerin. Ihre Beine seien ein wenig müde, hat Glowatzki vor dem Spiel in Steinheim gesagt, aber es nützt ja nichts: Je näher sie an der Situation ist, desto besser kann sie sie bewerten, desto geringer die Wahrscheinlichkeit einer Fehlentscheidung, desto aussichtsreicher ist es, das Spiel ohne Ärger durchzubringen.

Kontrolle, solange Spieler und Zuschauer ihr sie zugestehen

Glowatzki versucht, vieles mit Worten zu regeln, sie verteilt hier mal einen Spruch und da einen, und wenn ein Spieler allzu leicht hingefallen ist, verzieht sie schon mal den Mund und macht „Oh“. Mit dieser Stimmung, sagt sie, sei es auf dem Platz oft am einfachsten für sie.

Glowatzki findet sich in einer merkwürdigen Rolle: Sie hat zwar die Kontrolle über das Geschehen, aber nur so lange, wie Spieler und vor allem Zuschauer ihr diese Kontrolle zugestehen. Tun sie das nicht mehr, kann Glowatzki so viele Gelbe und Rote Karten verteilen, wie sie will, das ist dann auch egal: Die Sache läuft aus dem Ruder, und manchmal braucht es die Polizei, um Schlimmeres zu verhindern.

Das war so”: Schiedsrichterin Lisa Glowatzki im Gespräch mit einem Zuschauer.
Foto: Moritz Küstner

Im Spiel zwischen Steinheim und Dringenberg sind bald 20 Minuten vorbei, es steht noch 0 : 0, Steinheim hatte mehrere gute Möglichkeiten, Dringenberg die beste mit einem Kopfball an die Latte. Bisher hat Glowatzki nicht eingreifen müssen, es gab ein paar Fouls, aber keine härteren.

Ungewöhnlich, sagt ein Mann auf der Tribüne, dass eine Dame in der Bezirksliga pfeife. Aber sie mache das gut.

Jede Woche Beleidigungen gegen sie

Dann dribbelt ein Steinheimer zwei Gegenspieler aus, bevor er vom dritten zu Fall gebracht wird. Er fordert eine Gelbe Karte, die Zuschauer – etwa 30 Männer, die sich um den Grill unter der Tribüne versammelt haben – fordern sie auch. „Eh Mann, du Fotze!“, ruft einer Glowatzki zu. Ihre Eltern stehen fünf Meter entfernt. Das sei noch harmlos, sagt ihr Vater Rolf. Sie werde eigentlich jede Woche wahlweise als Schlampe, Hure oder Fotze beleidigt, sagt Glowatzki. Zum Glück höre sie es oft nicht.

25 Minuten nachdem Glowatzki als Fotze beleidigt wurde, pfeift sie zur Halbzeit. Sie hat eine Gelbe Karte gezeigt, es steht immer noch 0 : 0. Es laufe doch ganz gut bisher, sagt Glowatzki und nimmt zwei Schlucke aus einer Wasserflasche. Aber sie hoffe, dass sich bis zur Schlussphase eine Mannschaft einen Vorsprung erarbeitet habe. Sonst könne es noch mal hektisch werden – eine zutreffende Prophezeiung.

Vor sechseinhalb Jahren, am 2. Dezember 2012, töteten zwei jugendliche Spieler und ein Spielervater in den Niederlanden nahe Amsterdam einen Linienrichter, mit dessen Entscheidungen sie nicht einverstanden waren. „Sie traten ihn, als ob es ein Fußball wäre“, beschrieb das Gericht ein halbes Jahr später bei der Urteilsverkündung die Tat.

Spieler und Spielervater töten Schiedsrichter in Niederlanden

Der Fall sorgte für großes Aufsehen auch in Deutschland. Und bis heute sagen erfahrene Schiedsrichter, es sei Zufall, dass auf deutschen Plätzen noch kein Unparteiischer gestorben sei. In einer Studie mit dem Namen „Zielscheibe Schiedsrichter“ gab fast jeder fünfte Schiedsrichter an, schon mal tätlich attackiert worden zu sein.

Die Gewalt gegen Schiedsrichter bricht vor allem in den unteren Ligen aus, in den Kreisklassen, manchmal den Bezirksligen. In den Ligen also, in denen all die spielen, die das vor allem zum Spaß tun. Wenn es gerade dort zu brutalen Schlägereien und Angriffen auf Schiedsrichter kommt: Was sagt das über eine Gesellschaft?

Es laufen die letzten Minuten des Spiels zwischen Steinheim und Dringenberg, Steinheim führt 1 : 0 durch einen unstrittigen Elfmeter. Glowatzki hat sich dafür entschieden, sechs Minuten Nachspielzeit zu geben. Es sieht nicht danach aus, dass Dringenberg in der Lage sei, dies zu nutzen. In der gesamten zweiten Halbzeit hatte die Mannschaft keine einzige Torchance.

Plötzlich ist die Wut da

Doch nun, wenige Sekunden vor Spielende, schießt ein Dringenberger Innenverteidiger den Ball nach vorn. 30, 40 Meter fliegt er hoch durch die Luft, dann setzt er, ungefähr 20 Meter vor dem Steinheimer Tor, zum Sinkflug an, landet auf dem Kopf eines Dringenbergers, tropft von dort ab, genau vor den Fuß eines anderen Dringenbergers. Der schießt, trifft den Ball perfekt. Der Ball macht sich mit hoher Geschwindigkeit auf den Weg, der Torwart, das ist offensichtlich, wird ihn nicht abwehren können. Der Ball trifft die Unterkante der Latte, von dort prallt er auf den Boden, bevor er wieder hochspringt. Alle schauen Glowatzki an.

Im Fokus: Schiedsrichterin Lisa_Glowatzki
Foto: Moritz Küstner

Sie greift nach ihrer Pfeife, führt sie zum Mund – und gibt ein Tor, Ausgleich für Dringenberg. Die Entscheidung ist mutig, sie ist eng, einige Dringenberger sagen nach dem Spiel, dass der Ball nicht hinter der Linie war. Wirklich gesehen haben sie es wohl nicht, wie kaum jemand. Doch Glowatzki stand gut, nah an der Linie, der Ball sei schräg wieder rausgesprungen, sagt sie später, also müsse er drin gewesen sein.

Während die Dringenberger jubeln, ist sie plötzlich da, diese Wut, die fast zu riechen ist. Sie wabert über den ganzen Platz, erfasst die Spieler, die sich gestikulierend und motzend um Glowatzki drängen, erfasst die Zuschauer, die brüllen und sich von der Tribüne Richtung Platz bewegen.

In diesen Momenten kann alles kippen

Es seien diese Momente, sagt Glowatzki am Abend, in denen plötzlich alles kippen könne.

Nach zwei oder drei Minuten schiebt Glowatzki die sie umringenden Steinheimer Spieler zur Seite. Sie lässt anstoßen, pfeift direkt danach das Spiel ab. Zwei Männer, die gelbe Ordnerwesten tragen und während des Spiels am Rand gestanden haben, gehen zu ihr und rahmen sie ein. Sie werden jetzt benötigt.

Ein Mann motzt Glowatzki aus der Entfernung an. „Aus 20 Metern willst du das gesehen haben?“, fragt er und schlägt mit dem Arm in die Luft. „Was für eine Scheiße! Was für eine Scheiße!“ Er schüttelt den Kopf, geht auf Glowatzki zu, ein Schritt, zwei, drei, vier. Dann hält er inne, dreht um und verschwindet.

Spieler pöbeln Glowatzki an, ein Trainer. Sie kommen ihr nahe, doch irgendwann halten sie alle inne, winken ab und gehen. Sie ziehe sich wirklich besser zu Hause um, sagt Glowatzki. In die Kabine gehe sie jetzt nicht mehr.

Marc Bädorf

Dieser Text ist ein Nachdruck und zuvor bereits im „Stern“ erschienen.